Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

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emil17
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Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#3061

Beitrag von emil17 »

Manfred hat geschrieben: So 17. Okt 2021, 11:44 Umgekehrt funktioniert dass halt ebensowenig.
Auflösen lässt sich das nur mit einer ganzheitlichen Herangehensweise.
Aber diese ist auf Bundesebene politisch bisher nicht absehbar.
Also kann der Einzelbetrieb nur innerhalb der chaotischen Gesetzgebung navigieren oder aufhören.

Mit Milchmädchenrechnungen nach Emil mag man sich fehlende Wirtschaftlichkeit schönmalen können,
aber langfristig hat man dann halt keinen Betrieb mehr, weder als Handwerker noch als Bauer.
Als Unternehmer dagegen braucht man Klarheit, wo die wirtschaftlichen Probleme im eigenen Betrieb liegen, damit man sie beheben kann, um konkurrenzfähig zu bleiben oder wieder zu werden.
Dein Beitrag sagt es am Schluss doch: Als Unternehmer musst du nach Massgabe aller betriebsrelevanten Umstände einen soliden Gewinn erwirtschaften. Die Politik kann nur auf volkswirtschaftlicher Ebene Weichen stellen, etwa indem sie Milchwirtschaft oder Energieproduktion fördert oder unattraktiv macht.
Wenn also deine Nische sanfter Tourismus sein könnte, weil dein Uropa zufällig eine Mühle hatte, die sich gut als Ferienunterkunft eignet, dann musst du dort ansetzen, weil dein Einkommen mit deinen Mitteln dort realisiert werden kann, auch wenn das Vermieten von Fremdenzimmern in alten Mühlen volkswirtschaftlich keine grosse Rolle spielen kann und dafür von der Politik auch nicht viel zu erwarten ist.

Des weiteren sollte man den nie hinterfragten Begriff der Konkurrenzfähigkeit für bäuerliche Klein- und Mittelbetriebe anders verwenden. Konkurrent ist nämlich nicht der Nachbar, der die gleichen oder ähnliche Probleme hat. Also muss man auch nicht diesen in den Produktionskosten unterbieten wollen. Vielmehr könnte die Lösung in gemeinschaftlichem Auftreten liegen: Wenn der eine die Milch, der andere das Brot und der dritte die Fremdenzimmer hat, dann kommen gemeinsam alle besser vorwärts als wenn jeder konkurrenzstärker oder effizienter als die anderen sein will, bloss weil das auf den Wirtschaftsunis derzeit so gelehrt wird.
Wer will, findet einen Weg. Wer nicht will, findet eine Ausrede.
Manfred

Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#3062

Beitrag von Manfred »

emil17 hat geschrieben: So 17. Okt 2021, 18:41 Auch das Steueramt rechnet so
Emil, das Thema hatten wir ja schon öfter.
Es geht bei der Vollkostenrechnung nicht darum, wie das Finanzamt den Gewinn ermittelt, sondern um die unternehmensinterne Kalkulation der Entlohnung der eingesetzten Produktionsfaktoren.
Das kannst du dir von außen verdrehen und beschönigen so viel zu magst.
Für uns Unternehmer ist das ein wichtiges Werkzeug, um die Schwachstellen zu ermitteln und unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten zu vergleichen.

Und in der Landwirtschaft hat sich als praxisgerecht herauskristallisiert, nach Land, sonstigem Kapital und Arbeitszeit zu trennen.
Beim Land wird für das Eigenland in der Kalkulation der ortsübliche Pachtzinns angenommen.
Man könnte das Land ja auch an einen anderen Betrieb verpachten. Also wird der fiktive Pachtpreis als "Nutzungskosten" für das Eigenland angenommen.
Ob sich das Bodeninvestment durch Wertänderung evtl. irgendwann im Verkaufsfall als Gewinn oder Verlust auf das Betriebsergebnis auswirkt hat mit der Entscheidung es selbst zu bewirtschaften oder zu verpachten allenfalls am Rande zu tun.
Für das sonstige Kapital setzt man einen fiktiven Zins an. Hier orientiert man sich idR an der durchschnittlichen marktüblichen Rendite von in Unternehmen investiertem Kapital, sprich im Aktienmarkt.
Man könnte das Geld ja statt ins eigene Unternehmen in ein anderes Unternehmen investieren, bzw. in Form von Aktien Anteile an anderen Unternehmen kaufen. Eine Anlage z.B. auf dem Sparbuch wäre hier kein angemessener Vergleich, wegen der anderen Risikostruktur.
Als Unternehmer gehe ich höhere Risiken ein, um Chancen auf höhere Renditen zu nutzen.
Und nachdem ich die fiktiven Erlöse aus Verpachtung und alternativer Kapitalanlage vom Gewinn meines Unternehmens abgezogen habe, bleibt der Betrag, mit dem meine Arbeitszeit und unternehmerische Leistung entlohnt wird.
Auch hier kann man sich wieder vergleichen, z.B. mit dem was andere Menschen mit ähnlicher Qualifikation als Angestellte verdienen.
Der gelernte Landwirt könnte sich mit angestellten Handwerkern vergleichen, der Akademiker mit anderen akademischen Berufen, als Diplomagrarier je nach Tätigkeit evtl. eher mit einem Förster oder Biologen oder Betriebswirtschaftler als mit einem Chemie- oder Maschinenbauingenieur.
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Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#3063

Beitrag von Dyrsian »

Sorry wenn ich das jetzt mal so sage, aber wer eine halbe Millionen Euro Eigenkapital hat, dem kann es so schlecht nicht gehen.
Wenn alles so schlimm und scheiße ist, ja dann verkloppe ich doch den Betrieb und lege die 500k an der Börse an, bei 5-7%. Und nein, da kann nicht alles wegkommen wenn man es nicht total dämlich macht. Das Risiko ist deutlich geringer als bei der Investition in einen einzigen landwirtschaftlichen Betrieb. Abzüglich 2% Inflation bleibt immer noch ein schöner Ertrag und man kann dann bequem in einer 2 Zimmer Mietwohnung in der Stadt leben, so wie Millionen andere auch.
Ernsthaft jetzt, kommt mal runter. Fahrt mal hier ins westliche Ruhrgebiet, guckt euch mal an was hier los ist! Fragt mal die Jungs die 12 Stunden am Tag Pakete ausfahren wo und wie die leben. 500.000€ Eigenkapital ey ...
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emil17
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Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#3064

Beitrag von emil17 »

@manfred: ja, das hatten wir schon.
Ich verstehe, dass man intern so rechnen muss, um bessere Rentabilität erreichen zu können. Beim marktüblichen Pachtzins läuft es aber darauf hinaus, dass der immer gerade auf das Niveau steigt, wie der Mehrertrag in Geld gerade ist. Dadurch wird ja der Bodenwert definiert: Wenn du für 300 E einen ha pachten kannst der deinem Betrieb 400 Euro mehr abwirft, dann bezahlst du in Konkurrenz mit anderen Pachtwilligen auch 350 E Pacht, weil 50 E mehr in der eigenen Kasse besser sind als 100 E mehr in der Kasse des Konkurrenten. Folglich steigt der Pachtzins bis zum Ertragswert an, d.h. bis es sich gerade nicht mehr lohnt, zu pachten. Zieht man den Pachtzins nun vom Ertragswert ab, so bleibt folglich nix mehr übrig.

Ähnliches gilt für die fiktiven Kosten alternativen Kapitalanlagen: wenn du an der Börse investierst und es nur ein Telefon ist, von Schweinebäuchen auf Akkubatterien auf Pharma auf Erdöl auf irgendwas zu wechseln, dann rechnet man so, um die maximale Rendite rauszuholen.
Wenn du aber als Unternehmer deinen Hof so bewirtschaftest, dass er nach Rückstellungen, Amortisation, Reparaturen, Betriebsmitteln, Fremdkapitalkosten, Bruttolöhnen usw. 50'000 E Gewinn abwirft, und du 2500 Arbeitsstunden aufgewendet hast, um das herauszuholen, dann hat das offenbar 20 E pro Stunde für Dich abgeworfen. Das ist auch das, was das Finanzamt von Dir versteuert haben will. Den Rest des Geldes kannst du verbrauchen.
Das ist nicht die Überlegung, die man macht, um zu entscheiden, wo und wie man den Lottogewinn von 1 Million am besten investieren soll. Da würde wahrscheinlich keiner einen Hof kaufen, wenn Renditeoptimierung das einzige Ziel ist.
Die Differenz zwischen unterschiedlichen Anlagen ist rein fiktiv, sie dient nur der Entscheidungsfindung und damit kann man nichts kaufen. Das ist doch ein Unterschied.

Stellt sich noch die Frage, ob es für den freien Unternehmer motivierend ist, sich auszurechnen was er zu verdienen unterlassen hat, weil sein Unternehmen rechnerisch nicht die beste Anlagestrategie bzw. Geldvermehrungsmaschine war.

Rohana hat geschrieben: So 17. Okt 2021, 01:40 Die basics der deutschen Produktion, sprich die gesetzlichen Rahmenbedingungen, liegen weit höher als in den meisten Teilen der Welt. Auch wenn dir das anscheinend nicht reicht.
Klar, aus Sicht des Einzelbetriebes sind all diese Auflagen bloss produktionsverteuernd.
Die Lebensmittel in Deutschland sind qualitativ gut (Ausnahmen bestätigen die Regel), keine Frage. Nur können das andere Länder genau so gut. Also entscheidet der Preis.
Bei den Umweltbilanzen ist es nach wie vor ungenügend. Deutschland ist ja von der EU wegen der miserablen Grundwasserqualität im Landwirtschaftsgebiet gerügt und es ist eine Busse angedroht worden. Es ist also nicht so, dass bloss ein paar spinnerte Grüne diese fixe Idee hätten.
Was macht der deutsche Bauernverband? Statt etwas zu ändern wird geschrien, es würde unfair gemessen. Damit zeigt man, wie ernst es mit umweltverträglicher Produktion wirklich ist. Dann noch etwas in den langweiligen Schweinemast- oder Nur-Gertreidegebieten unterwegs gewesen sein, oder im Wiesenmilchgebiet Allgäu (die Wiesen sehe ich, aber wo sind die Kühe?) und mit "aus deutschen Landen frisch auf den Tisch" alleine ist es bei aufmerksamen Konsumenten nicht mehr getan. Leider geraten dabei auch die Betriebe, die es besser machen, unter die Räder.

Etwas weniger Produktion, etwas höhere Preise und dafür Einhaltung der Umweltstandards wäre besser. Das sieht ein ziemlich grosser Anteil der Konsumenten so. Nur geht es nicht vorwärts damit, auch wenn ich teurere Lebensmittel kaufe, denn die anderen werden ja weiterhin subventioniert und das meiste nimmt eh der Zwischenhandel raus, wenn man nicht direkt beim Produzenten kauft. Also warum mehr bezahlen, wenns doch nichts bewirkt.
Anders ist es beim Direktkauf ab Hof.
In Deutschland hat es, und das muss man der Politik anlasten, zudem ein sehr grosses Präkariat, das gerade so eben über die Runden kommt. Damit hat sich die Politik Vollbeschäftigung erkauft. Diese Leute können sich nur billige Lebensmittel leisten.
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Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#3065

Beitrag von emil17 »

Dyrsian hat geschrieben: So 17. Okt 2021, 19:43 Sorry wenn ich das jetzt mal so sage, aber wer eine halbe Millionen Euro Eigenkapital hat, dem kann es so schlecht nicht gehen.
Doch kann es, denn es hätten ja mehr sein können, wenn man nicht so ignorant auf seinem Hof kleben geblieben wäre. Ich habe nicht 50'000 Euros erwirtschaftet, ich habe 30'000 verloren (da ich nur 50'000 statt 80'000 gemacht habe ... )
Hast du dann die Million, hat der Nachbar (oder Erwerbstätige der vergleichbaren Branche) leider schon anderthalb Millionen, und so geht es weiter.
Davon lebt sehr gut unsere Wirtschaft, nämlich all die Branchen, die so wichtige Dinge wie Luxusuhren, Jachten, Superautos und dergleichen herstellen und verkaufen.

Was auch vergessen geht: Wie sähe unsere Gesellschaft aus, wenn jeder das, was er hat, an der Börse anlegte und vom Zins davon lebte?
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Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#3066

Beitrag von Rohana »

Dyrsian hat geschrieben: So 17. Okt 2021, 19:43 Sorry wenn ich das jetzt mal so sage, aber wer eine halbe Millionen Euro Eigenkapital hat, dem kann es so schlecht nicht gehen.
Mit welcher fiktiven Zahl Boden, Gebäude, Maschinen, Vieh und weissderGeierwas bewertet werden, ist doch total wumpe. Momentan sind diese Zahlen nämlich eh etwas realitätsfern... am Ende hast du davon nur was wenn a) alles weg ist und b) auch tatsächlich der grossartige Preis dafür gezahlt wurde.* Und dann? Von den Zinsen leben? Welche Zinsen überhaupt? :lol:

* Ich frage mich immer, wie Preise zustande kommen die von der Realität einfach total entkoppelt sind. Klar, Bauerwartungsland. Solarfläche, okay. Aber Acker, der mehr kostet als zu Lebzeiten dort jemals (voraussichtlich) erwirtschaftet werden kann? Heidewitzka.
Ein jeder spinnt auf seine Weise, der eine laut, der andere leise... (Ringelnatz)
Manfred

Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#3067

Beitrag von Manfred »

Dyrsian hat geschrieben: So 17. Okt 2021, 19:43 Sorry wenn ich das jetzt mal so sage, aber wer eine halbe Millionen Euro Eigenkapital hat, dem kann es so schlecht nicht gehen.
Wer eine größere Wohnung oder Häuschen in deinem deutschen Ballungsraum sein Eigen nennt, hat idR deutlich mehr als 500.000 Euro Vermögen.
Warum arbeitet der weiter im Ballungsraum und verkauft die Bude nicht (was er im Gegensatz zum Landwirt nach 10 Jahren Haltefrist sogar steuerfrei könnte) legt das Geld and er Börse an und nimmt sich eine billige Mietwohnung in Sachsen?

Ich weiß nicht, was Emils Häuschen in der Schweiz wert ist, vermute aber, er könnte auch in Brandenburg davon leben, würde er es verkaufen und das Geld anlegen.

Die Landwirtschaft ist eine der kapitalintensivsten Branchen überhaupt. Inzwischen dürften wir bei ca. 500.000 Euro Kapitalbedarf je Arbeitsplatz liegen, das ist doppelt so viel wie in der Industrie.

Ich habe auch noch nie verstanden, wieso jemand als Paketfahrer oder sonst einem scheiße bezahlten Job in einem Ballungsraum arbeitet, solange es noch irgendwo auf dem Land bei viel niedrigeren Lebenshaltungskosten Arbeitsplätze gibt. Trotzdem machen das Millionen von Menschen und erhalten dafür diverse Transferleistungen über die verschiedensten Umverteilungssysteme.

Ich bin auf einem kleinen Hof aufgewachsen. Bettelarm. Sozialleistungen gab es keine, weil man ja den Hof hatte. Den Lebensstandard eines durchschnittlichen Sozialhilfeempfängers hätten wir uns nie leisten können. 90% unserer Lebensmittel uns die Heizenergie haben wir selbst produziert. Etwas anders hätten wir uns auch nicht leisten können. Ich habe als Kind und Jugendlicher pro Woche nicht selten mehr gearbeitet neben der Schule als ein heutiger Durchschnittsarbeitnehmer und mit in der Schule jeden Tag für meine gebrauchten Klamotten und meinen Stallgeruch verspotten lassen. Erzähle mir nichts von (relativer) Armut in einer Gesellschaft.
Die Bauern-Prägung werde ich so wenig los wie die Prägung durch die Armut. Beides wird mich mein Leben lang begleiten. Aber wenn man dort nicht bleiben will, muss man sich nach oben vorne orientieren und etwas ändern, statt sich die Lage schön zu reden oder anderen die Schuld zu geben.
Ich bin Nebenerwerbsbauer, weil ich es mir zur Aufgabe gemacht habe, den Hof für die nächste Generation zu erhalten und zu verbessern. Ich bin kein Vollerwerbsbauer, weil ich dazu das Kapital nicht hatte und meine Arbeitszeit außerhalb der Landwirtschaft deutlich besser verwerten kann.
Aber ich möchte, dass die Menschen verstehen, was in der Landwirtschaft los ist, weil die Landwirtschaft der Schlüssel zu unser aller Existenz ist und ich möchte, dass die Arbeit dort wie in anderen Branchen fair entlohnt wird.
Der Paketautofahrer hat, obwohl idR schlecht bezahlt, hat nach wie vor eine viel bessere Arbeitszeitverwertung als die allermeisten Bauern. Und bin finde, dass beide von ihrer investierten Arbeitszeit vernünftig leben können sollten, unabhängig davon, ob sie durch Glück oder Fleiß oder wie auch immer Vermögen ihr Eigen nennen. Oder sollen Paketfahrer, die von Opa ein Häuschen bei Köln geerbt haben, zukünftig für 2,30 Euro brutto je Stunde arbeiten müssen, weil sie ja ausreichend Vermögen haben, von dem sie leben könnten?
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emil17
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Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#3068

Beitrag von emil17 »

Marktwirtschaft hat nicht Fairness zum Ziel, sondern Geld. Der Arbeitslohn ist genau wie der Wert der Leistung oder der Produkte eines Unternehmers der Marktwert für das, was man bietet, abgemildert durch staatliche Eingriffe und Vorschriften. Vor dem ersten Weltkrieg war es beispielsweise üblich, dass jemand, der durch einen Arbeitsunfall arbeitsunfähig wurde, einfach aufgehört hat. Der Unternehmer hat einen anderen genommen und das wars.
Das heisst, wenn du etwas machst, was viele andere auch machen, und es einen Angebotsüberhang gibt, dann wird der Preis so lange sinken, bis er das Existenzminimum bei Löhnen oder die Produktgestehungskosten des Unternehmers erreicht hat. Die Leistung, dei der Mensch dabei erbracht hat, spielt keine Rolle.
Andersrum gehts auch, weshalb Notare bei weniger Aufwand viel mehr kriegen als Strassenarbeiter, auch nach Abzug der höheren Ausbildungskosten.
Mit Fairness hat das alles in unserer Gesellschaft leider gar nichts zu tun, auch nicht damit, wie gesellschaftsnotwendig etwas ist.

Ich habe ein Haus und genug Geld, um damit meinen Ansprüchen gerecht zu werden (wobei dahingestellt sein mag, wo sich Anspruchsreduktion und Einkommenserhöhung getroffen haben). Warum sollte ich also mein in Immobilien gebundenes Eigenkapital verflüssigen und anlegen, um mehr herauszuholen? Was wäre ""mehr?
Dann habe ich noch Familie (oder die hat mich), eine aus unternehmerischer Sicht ganz hoffnungslose Investition.

Was mich an diesem System am meisten stört: Durch Buchgewinne und Kapitalzins erwirbt man genauso wie durch Lohnarbeit oder eigene unternehmerische Tätigkeit rechnerischen Anspruch auf reelle Waren und Dienstleistungen, etwa Nahrungsmittel, die man damit kaufen kann. Dabei spielt es keine Rolle, ob man selber etwas geleistet oder bloss geerbt oder bloss Glück gehabt hat. Diese realen Dinge müssen aber von denen, die tatsächlich produzieren, erzeugt werden.

Hier liegt eine grosse Ungerechtigkeit der Gesellschaft, denn es entspräche dem Prinzip der Chancengleichheit, dass alle mit gleichen Bedingungen anfangen. Was man draus macht, ist jedem seine Sache. Nun ist es aber so, dass man nie arbeiten muss und sich trotzdem alles leisten kann, wenn man faul ist und sich reiche Eltern ausgesucht hat, und dass man mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit vorwiegend für andere arbeitet, wenn man durchschnittlich begabt und fleissig aber mittellos auf die Welt gekommen ist. Man kann das gut an den Einkommenssteigerungen sehen: Unten kommt von der jährlich wachsenden Wirtschaftsleistung nichts an, die Einkommen der Superreichen haben sich extrem stark erhöht.
Wer will, findet einen Weg. Wer nicht will, findet eine Ausrede.
Manfred

Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#3069

Beitrag von Manfred »

Notare, Steuerberater und einige andere haben zumindest in D einen Sonderstatus und eine Gebührenordnung, die sie vor Konkurrenz weitgehend schützt. Auch darüber lässt sich trefflich streiten.

Superreichtum ist ein massives Problem.
Mit dem Sozialsystem haben wir nach unten einen Damm eingezogen. Nach oben ist das noch nicht gelungen. Das führt zwangsweise dazu, dass sich immer mehr Vermögen bei immer weniger Superreichen konzentriert und die Chancen und Möglichkeiten der restlichen Wertbevölkerung immer kleiner werden.
Das lässt sich in Gesellschaften mit schnellem Wohlstandswachstum noch halbwegs vertuschen, weil es für fast alle besser wird, nur für einige halt viel schneller als für den Rest. Aber spätestens bei Stagnation des Wachstums macht sich die Ungleichheit immer stärker bemerkbar und die relative Armut immer größerer Bevölkerungsteile nimmt zu.

Ich habe schon oft darüber nachgedacht, wie man das in den Griff bekommen könnte, in unserer globalisierten Welt. Die Vermögenden sind weltweit mobil und ihre Investitionen fließen oft durch ein undurchdringliches Netzwerk über Grenzen, Firmen, Rechtsräume hinweg.

Sollte sich jetzt in einem einzelnen Staat eine Mehrheit dafür finden, den Superreichtum zu begrenzen, wie soll das in der Praxis umgesetzt werden?
Ein einzelner Staat könnte das nur für Vermögen tun, die seinen Bürgern oder Einwohnern gehören und für Vermögensteile, die seinem Recht unterliegen.

Führt man Regelungen ein, nimmt man in Kauf, dass vermögende Bürger samt ihrer Vermögen abwandern und ausländisches Kapital aus der heimischen Wirtschaft abgezogen wird.
Versucht man es durch eine Erbschaftssteuer zu lösen, wird diese sofort umgangen. Wenn nicht durch Abwanderung, dann durch günstige Firmenverkäufe und Warenverkaufe an die Erben usw. usw.
Eine regelmäßige Bewertung von Vermögen, wie sie für eine Vermögenssteuer notwendig wäre, verursacht sehr hohen Aufwand und ist mit hoher Unsicherheit verbunden. Wie bewertet man z.B. Kunstwerke, Schmuck, nicht börsennotierte Unternehmen, etc. etc.

Und nicht jede Form von Vermögen ist zwingend schädlich für den Rest der Gesellschaft.
Eine umfangreiche Kunstsammlung z.B. fügt anderen kaum Schaden an ihren Rechten und Entwicklungsmöglichkeiten zu.

Evtl. könnte man im ersten Ansatz das Eigentum an bestimmten Vermögenswerten begrenzen, um ihre Verteilung in der Bevölkerung zu sichern und sie gegen übermäßige Inflation durch den Anlagenotstand der Superreichen zu schützen.
Man könnte z.B. das Eigentum an Agrarflächen auf natürliche Personen und eine bestimmte Flächengröße je Person begrenzen (abgesehen von einem gewissen Flächenanteil für Körperschaften des öffentlichen Rechts), und man könnte Vorkaufsrechte einführen, bei Agrarflächen z.B. 1) für ortsansässige Landwirte, 2) für Ortsansässige, 3) für Staatsbürger
Dann wäre das Thema Landgrapping durch Großinvestoren, Stiftungen etc. Geschichte.
Gleiches könnte man für Wohnimmobilien tun. Man könnte Investoren z.B. erlauben neue Wohnungen zu bauen, wenn und wo Wohnungen benötigen werden, ihnen aber verbieten, gebrauchte Wohnungen zu kaufen, um den Anlagedruck aus dem Wohnungsmarkt zu nehmen und Wohnraum wieder erschwinglicher für Normalverdiener zu machen.
Die direkte Einflussnahme auf die Politik könnte man reduzieren, indem man Unternehmensspenden verbietet und private Parteispenden begrenzt. Indirekte Einflussnahme und Bestechung lassen sich so natürlich nicht unterdrücken.
Auch Stiftungen sind ein gewaltiges Problem für die Demokratie und können über ihre finanzielle Macht lange über den Tod des Stifters hinaus Manipulation und Meinungsmache betreiben.

Auf der anderen Seite ist der Aufbau von Vermögen ein Urtrieb und eine wichtige Triebfeder für Unternehmerische Tätigkeit und Innovation. Siehe z.B. die Arbeit von Elon Musk.
Diese Gründer- und Machergeneration sehe ich eher positiv. Die Probleme mehren sich in der Erbengeneration, so diese nicht im Ausnahmefall die gleiche unternehmerische Triebkraft zeigt.
Diese verwaltet nur noch und mehrt durch Zinseffekte und blockiert so die Entwicklungsmöglichkeiten anderer.
Aber wie soll man Erbe begrenzen, wenn sich sofort 1000 Umgehungsmöglichkeiten auftun?

Und spätestens bei ausländischen Investoren, die über Firmengeflechte handeln, wird die Sache komplett undurchsichtig. Damit stellt sich auch sofort die Frage nach Gleichbehandlung.
Auch ein Transparenzregister wird schwer durch- und umsetzbar sein bei Wertpapieren, die teils im Millisekundentakt gehandelt werden.

Denkbar wäre auch eine absolute Vermögensobergrenze, mit Bewertung z.B. alle 10 Jahre.
Aber halt wieder nur für eigene Einwohner.
Wie will man verhindern, dass ausländische Investoren oberhalb dieser Grenze weiter hier investieren?
Dürfte dann Tesla kein Werk mehr in Deutschland bauen?

Ein hochkomplexes Thema.
Das einzige, was mir von meinen bisherigen Gedanken realistisch von einem einzelnen Land umsetzbar scheint, sind die oben genannten Beschränkungen für einzelne Anlageklassen, Spenden, etc.
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Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#3070

Beitrag von emil17 »

Das beste System gegen zuviel Reichtum gab es in gewissen Eingeborenenvölkern in Schwarzafrika. Je reicher, desto mehr Frauen hatte man. Das wurde wohl bald so anstrengend, dass es automatisch eine Obergrenze gab.

Mal im Ernst, was du ansprichst geht nur mit einer internationalen Steuerharmonisierung. Die wird irgendwann mal kommen, weil sie im Interesse aller ist, nur wird das noch sehr lange dauern. Solange sich Staaten darin gefallen, Wirtschaftsförderung mit Steuerrabatten und Sonderkonditionen zu verwechseln, wird das nichts.
Ebenfalls nötig wäre eine Kapitaltransaktionssteuer.
Ansätze gibt es schon, etwa den vorgeschlagenen Mindeststeuersatz für Unternehmen in der EU (wo die Schweiz natürlich nicht mitmachen will :sauenr_1: ) oder die Enteignung von Grosswohnungseigentümern in Berlin. Wobei sich das Wohnungsproblem am besten durch genossenschaftlichen Wohnungsbau und -verwaltung lösen lässt, wenn diese Genossenschaften ihre Rechnung offenlegen müssen. Damit beschneidet man aber die Pfründe der Immobilienanleger.
Manfred hat geschrieben: Mo 18. Okt 2021, 00:02nicht jede Form von Vermögen ist zwingend schädlich für den Rest der Gesellschaft.
Eine umfangreiche Kunstsammlung z.B. fügt anderen kaum Schaden an ihren Rechten und Entwicklungsmöglichkeiten zu.
Jede allzugrosse Anhäufung von vermögen ist zwingend schädlich für die Gesellschaft, weil damit die Personen, die darüber verfügen, eine Macht in der Politik und Gesellschaft bekommen, für die sie nicht demokratisch legitimiert sind. Die können Privatmedien oder ganze Zeitungen kaufen, Parteien finanzieren, Gemeinden wirtschaftlich unter Druck setzen ("wenn ihr uns keine Steuerrabatte gebt und auch noch mehr Umweltauflagen macht, müssen wir leider ernsthaft darüber nachdenken, unsere Produktion an einen anderen Ort zu verlagern") und so weiter. Sie verführt auch zum Steuerwettbewerb unter Staaten, Gemeinden und Ländern. Besonders stossend ist hier die verfassungswidrige Pauschalbesteuerung reicher Ausländer in der Schweiz.
Die Sache mit den Kunstsammlungen sehe ich sehr durchzogen; allzuoft werden Vermögen erschaffen durch unfaire Konkurrenz, Ruinierung der Konkurrenten, Dumpinglöhnen, Steuervermeidung und so weiter, und wenn man dann das Quasi-Monopol und den grossen Geldhaufen hat, gefällt man sich im Alter darin, Kunst zu sammeln, die in einer steuerbefreiten Stiftung der Allgemeinheit zugänglich zu machen und sich so als Wohltäter zu profilieren. Ein Picasso oder Matisse weniger und dafür anständige Löhne zahlen wäre auch was gewesen.
Kunst ist eine klassische Möglichkeit für Superreiche, sich als einzigartig zu profilieren, weil Kunstobjekte nur in einem Exempar echt existieren (ICH bin der, der den xyz im Original hat) und man so davor geschützt ist, einer unter vielen zu sein. Eine Jacht, drei Ferienvillen und einen Privatjet hat schliesslich jeder, der es zu etwas gebracht hat. Zudem hat Kunst im Gegensatz zu einer Luxusjacht den Vorteil, dass sie sehr viel kostet und man damit absolut nichts anfangen kann, d.h. sie frisst keine Zeit wenn man sie hat.
Das Grundproblem ist aber das was du beschrieben hast: Man hat ein sehr grosses Vermögen geerbt, delegiert das Geldverdienen an Vermögensverwalter, Steueroptimierer und Geschäftsführer, kauft sich Geldvernichtungsmaschinen wie Kunstsammlungen, Fussballvereine oder Privatinseln, und tut auch noch so, als wäre das alles gut für die Gesellschaft, da man ja Arbeit und Brot gibt.
Wer will, findet einen Weg. Wer nicht will, findet eine Ausrede.
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