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Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion
Verfasst: So 10. Okt 2021, 14:15
von penelope
Passend dazu noch ein Ausschnitt aus dem Interview, es dass ich auf der letzten Seite schon verlinkt habe.
"Was raten Sie den protestierenden Bauern?
Sie müssen nicht nur Forderungen an andere stellen, sondern sich auch fragen, warum sie bei dieser Art von Landwirtschaft mitgemacht haben, die sie jetzt selbst in den Ruin zu treiben droht. Es ist ein Scherz, aber man könnte sagen, die Bauern haben durch die Agrarpolitik, durch die sehr qualifizierte Ausbildung, die sie durchlaufen haben, eine „Änderung in ihren Genen“ erfahren. Das Streben nach höchster Produktionsleistung ist den Bauern extrem stark eingetrichtert worden, es galt als Voraussetzung dafür, wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Also, du musst die 10.000-Liter-Kuh im Stall haben, wenn du überhaupt den Mund aufmachen willst. Oder Sauen, die mindestens dreißig Ferkel im Jahr zur Welt bringen, oder mindestens 90 Doppelzentner Weizen vom Hektar Ertrag vorweisen.
Unsere Untersuchungen von Milchviehbetrieben haben aber gezeigt, dass Höfe, die sich dem extremen Leistungsgedanken verweigern, die aus eigener Kraft ein eigenes System der Milcherzeugung entwickelt haben, oft wirtschaftlich deutlich besser dastehen, weil sie zwar weniger produzieren, aber auch viel weniger Kosten haben. Einer von denen hat mir einmal gesagt: „Ich weiß wohl, ich bin der Bauer rückwärts!“ So wirkt die immer noch vorhandene Denunzierung von Bauern, die es sich der hochintensiven Produktion verweigern.
Genau diese Leistungsorientierung, die zu Tierschutzproblemen, Überproduktion und Preisverfall beigetragen hat, müssen die Landwirte reflektieren. Das stellt ihr bisheriges berufliches Weltbild in Frage, aber darum kommen sie nicht herum"
Und die Antwort kommt nicht von irgendeinem Ökospinner, sondern von einem Professor der Agrarwirtschaft, der selbst aus einer Familie mit Landwirtschaft stammt.
Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion
Verfasst: So 10. Okt 2021, 16:37
von Eberhard
Es gibt auch jene, die feststellen, so wie sie bisher gewirtschaftet haben,
können sie nicht mehr weitermachen.
Aus
Syntropie statt Monotonie - Eine andere Landwirtschaft ist möglich.
„Mindestens elfmal pro Erntezyklus sprühen wir, also im Schnitt alle zehn Tage“, erzählt Borges, ein misstrauischer Grossbauer in Karohemd, Jeans und Strohhut. Der 49jährige besitzt 10.000 Hektar. Zweimal erntet er im Jahr, Soja und Mais im Wechsel. Die Ernte verkauft er an Zwischenhändler wie Cargill oder multinationale Broker. Der Verkauf ist digitalisiert, die Soja geht als Viehfutter vor allem nach Asien und Europa. Damit wurde Borges reich. Der Boden war fruchtbar, die Ernte üppig, Resistenzen kein Thema. Bis zu 3600 kg pro Hektar war der Ertrag. Doch jetzt stösst das Modell an seine Grenzen: Resistenzen und Bodenunfruchtbarkeit senken die Produktivität um bis zu 30%. Borges braucht immer mehr Gift für immer weniger Ertrag. Das Rundum-Sorglos-Paket funktioniert nur noch für die ganz Grossen, die die besten Böden haben oder selbst Silos, Banken und Transportflotten besitzen, um die Soja zu verschiffen. Leute wie Brasiliens Agromogul Blairo Maggi, Ex-Gouverneur und Ex-Landwirtschaftsminister. Andere landen in der Verschuldungsfalle. „Moderne Sklaverei“, nennt Borges das Modell.
Drei Dutzend Grossgrundbesitzer in der Autokolonne suchen Auswege aus der Sackgasse. Sie sind unterwegs auf die Sojafarm Invernadinho in der Nähe von Mineiros zu einem Praxisseminar mit dem Schweizer Agronomen Ernst Götsch.
Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion
Verfasst: So 10. Okt 2021, 18:59
von Benutzer 4754 gelöscht
penelope hat geschrieben: Sa 9. Okt 2021, 19:09
Genau, wir exportieren Weizen, vorwiegend qualitativ sehr hochwertigen Brotweizen, und importieren Viehfutter. Wir essen dann von den hier gemästeten Tieren die Edelstücke, der Rest geht in Ausland. Die Gülle fällt aber hier geballt an. Das kann und wird nicht mehr ewig gutgehen. Man merkt ja auch so langsam immer deutlicher, dass das System anfängt zu wackeln, beispielsweise durch die eingebrochen Nachfrage nach Schweinefleisch, weil China nicht mehr importiert.
Wenn du die Nährstoffmengen siehst, haben wir in Deutschland sogar noch zu wenig Tierausscheidungen. Die Menge reicht nicht aus, um Minerldünger zu ersetzen.
Was auch vergessen wird:
Die natürlich erzeugbare Menge Stickstoff reicht für etwa 4,5 Milliarden Menschen.
Die restlichen 4,5 Milliarden leben von Eiweiß dass mit Stickstoff aus dem Sack, sprich Mineraldünger, erzeugt wurde.
Ohne mineralischen Stickstoffdünger ist eine Versorgung nicht möglich.
sybille hat geschrieben: Sa 9. Okt 2021, 21:54
Warum keine Zweinutzungshühner? Muss es denn das matschige, geschmacklose Turbohähnchen sein das nur höchstens 2 Monate leben dufte und gleich viel Mist gemacht hat wie ein Zweinutzungshuhn das älter werden durfte?
Das ist das Problem: zweinutzungs Hühner sind nicht wirtschaftlich. Sie elegen zu wenig Eier und gleichzeitig wächst zu wenig Fleisch an die Tiere. Wenn das Masthuhn doppelt so lange im Stall steht muss man doppelt so viele Ställe bauen...
... das will auch wieder keiner.
emil17 hat geschrieben: So 10. Okt 2021, 10:41
Also setzt - und das ist bei jedem betroffenen Gewerbezweig so - ein mörderischer innerer Verdrängungswettkampf ein, auf dem die Kleinen auf der Strecke bleiben. Jede Effizienzsteigerung, jede Wirtschaftlichkeitsverbesserung kann dies nur hinauszögern, solange die betriebswirtschaftlichen Einnahmen nur über die Produkte und nicht über direkt bezahlte Leistungen erfolgen. Es ist so wie in einem Hamsterrad, wo viele drin sind, die alle die anderen überholen wollen ...
In der Landwirtschaft ist es nun so, dass die direkten Leistungen, die von der Allgemeinheit entgolten werden (Öko-Ausgleichsflächen usw.) und die viele Betriebe noch am Leben erhalten, direkt unverträglich sind mit Wirtschaftlichkeitssteigerungen im produktiven Bereich, weil diese stets mehr Umweltbelastung (Überdüngung, Artenverluste, mehr Verschwendung in der Verarbeitung trotz höherer Effizienz in der Produktion) zur Folge haben.
Nein, das siehst du falsch. Die Naturschutzmasnahmen sind bis jetzt nur ein Kostenfaktor. Um sie in die Fläche zu bekommen, müssen sie zum Produkt werden. Das konkuriert dann mit Weizen, Raps Rübe und co. Wenn man dann mit Naturschutz mehr Geld verdient wird der acuh auf vielen Hektar gemacht.
Aber einfach nur zu sagen "wir wollen und ihr Zahlt" kanns nicht sein.
Als Landwirt wird man sich also entscheiden müssen, auf welcher Schiene man fährt, denn man kann, wie das bekannte Sprichwort sagt, nicht auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig tanzen.
Ich halte die Bio-Schiene deshalb für langfristig erfolgreicher. Das grosse Geld kann man damit nicht machen, aber man ist besser vor der Effizienzsteigerungsfalle geschützt, da Landschaftspflege und Artenschutz sich nicht beliebig skalieren lassen. Den Wettbewerb um mehr Wirtschaftlichkeit der Produktion kann man hingegen nur verlieren.
Da sitzt du einem gewaltigen Irrtum auf.
Die Bio-Schiene ist genau so von fallenden Preisen geprägt wie die konventionelle Schiene und damit genau so zu wirtschaftlichen Effizienz Steigerungen gezwungen.
Nicht nur in Deutschland, z.B. auch in Österreich
https://www.ama.at/Marktinformationen/G ... ken-erneut:
Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion
Verfasst: So 10. Okt 2021, 19:22
von emil17
Gegen Effizienz hat auch keiner etwas, nur gegen Effizienz um jeden Preis.
Und das ist das grundlegende Problem der industriellen landwirtschaft:
Oelkanne hat geschrieben: So 10. Okt 2021, 18:59
Die Naturschutzmassnahmen sind bis jetzt nur ein Kostenfaktor. Um sie in die Fläche zu bekommen, müssen sie zum Produkt werden. Das konkuriert dann mit Weizen, Raps Rübe und co.
Wir wollen nicht entweder Nahrung oder Naturschutz, wir wollen ein Gleichwertigkeit, d.h. eine langfristig nachhaltige und umweltverträgliche Produktion. Das geht, und der Mehrpreis wird auch bezahlt, sonst gäbe es überhaupt keine Bio-Lebensmittel. Aber es geht nicht mit immer noch mehr Effizienz, denn genau dann wird Umweltversträglichkeit zum zusätzlichen Kostenfaktor, statt zu einem Produktionsziel, das gleichberechtigt ist.
Oelkanne hat geschrieben: So 10. Okt 2021, 18:59
Die natürlich erzeugbare Menge Stickstoff reicht für etwa 4,5 Milliarden Menschen.
Die restlichen 4,5 Milliarden leben von Eiweiß, das mit Stickstoff aus dem Sack, sprich Mineraldünger, erzeugt wurde.
Das stimmt natürlich nur, solange man die gegenwärtige Ineffizienz der Verwertung (Was genau isst man vom Schwein? Vom Huhn? Wieviel wird durch das Zwischenprodukt Fleisch verschwendet? Wo wäre das Optimum der mineralischen Düngung, wenn man Pflanzengesundheit und nicht Ertragsmenge als Ziel optimiert?) als gegeben hinnimmt und die Tatsache, dass die Nährstoffkreisläufe nicht geschlossen sind - vom Teller in den Magen und dann ins Klo und weg isses - nicht ändert.
Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion
Verfasst: So 10. Okt 2021, 19:26
von sybille
Oelkanne hat geschrieben: So 10. Okt 2021, 18:59
sybille hat geschrieben: Sa 9. Okt 2021, 21:54
Warum keine Zweinutzungshühner? Muss es denn das matschige, geschmacklose Turbohähnchen sein das nur höchstens 2 Monate leben dufte und gleich viel Mist gemacht hat wie ein Zweinutzungshuhn das älter werden durfte?
Das ist das Problem: zweinutzungs Hühner sind nicht wirtschaftlich. Sie elegen zu wenig Eier und gleichzeitig wächst zu wenig Fleisch an die Tiere. Wenn das Masthuhn doppelt so lange im Stall steht muss man doppelt so viele Ställe bauen...
... das will auch wieder keiner.
Die Preise müssten natürlich steigen damit sich das lohnt. Aber dafür ist ein Umdenken der Bevölkerung nötig. Gebe ich mehr Geld aus und esse weniger Eier und das ganze Tier dann habe ich hochwertigere Qualität oder ernähre ich mich billig mit Eiern und Fleisch aus Qualzuchten? Der Verbraucher sollte doch durch TV in Punkto Qualzuchten aufgeklärt sein. Wenn wir wieder dahin kommen das tierische Produkte etwas Wertvolles sind dann sinkt der Verbrauch und durch die Preissteigerung können die Landwirte trotzdem gut wirtschaften. Rosa Schweine, glückliche Hühner, Rinder, Schafe, auf grünen Wiesen für ein Billigangebot von Fleisch sollte verboten werden.
Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion
Verfasst: So 10. Okt 2021, 19:46
von Benutzer 4754 gelöscht
sybille hat geschrieben: So 10. Okt 2021, 19:26
Oelkanne hat geschrieben: So 10. Okt 2021, 18:59
sybille hat geschrieben: Sa 9. Okt 2021, 21:54
Warum keine Zweinutzungshühner? Muss es denn das matschige, geschmacklose Turbohähnchen sein das nur höchstens 2 Monate leben dufte und gleich viel Mist gemacht hat wie ein Zweinutzungshuhn das älter werden durfte?
Das ist das Problem: zweinutzungs Hühner sind nicht wirtschaftlich. Sie elegen zu wenig Eier und gleichzeitig wächst zu wenig Fleisch an die Tiere. Wenn das Masthuhn doppelt so lange im Stall steht muss man doppelt so viele Ställe bauen...
... das will auch wieder keiner.
Die Preise müssten natürlich steigen damit sich das lohnt. Aber dafür ist ein Umdenken der Bevölkerung nötig. Gebe ich mehr Geld aus und esse weniger Eier und das ganze Tier dann habe ich hochwertigere Qualität oder ernähre ich mich billig mit Eiern und Fleisch aus Qualzuchten? Der Verbraucher sollte doch durch TV in Punkto Qualzuchten aufgeklärt sein. Wenn wir wieder dahin kommen das tierische Produkte etwas Wertvolles sind dann sinkt der Verbrauch und durch die Preissteigerung können die Landwirte trotzdem gut wirtschaften. Rosa Schweine, glückliche Hühner, Rinder, Schafe, auf grünen Wiesen für ein Billigangebot von Fleisch sollte verboten werden.
Durch steigende Preise wird die Wirtschaftlichkeit einer Zweinutzungsrasse im Vergleich zu zwei Einnutzungsrassen nicht besser.
Wenn ein Huhn 0,8 Eier am Tag legt ist das keine Qualzucht...
... auch der Fleischansatz muss immer noch in dem Rahmen bleiben, dass sich das Tier gut bewegen kann.
Andernfalls kommt es nicht mehr an Futter und Wasser -> es wächst nicht weiter.
Die Tiere sind auf diese Leistung genetisch ausgelegt und wollen sie auch erbringen.
Ein modernes Masthuhn auf Grünland zu halten und nur mit ein par Küchenabfällen zu füttern ist Tierquälerei:
das Tier wird bei weitem nicht bedarfsgerecht ernährt.
Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion
Verfasst: Mo 11. Okt 2021, 09:19
von emil17
Oelkanne hat geschrieben: So 10. Okt 2021, 19:46
Die Tiere sind auf diese Leistung genetisch ausgelegt und wollen sie auch erbringen.
Ein modernes Masthuhn auf Grünland zu halten und nur mit ein par Küchenabfällen zu füttern ist Tierquälerei:
das Tier wird bei weitem nicht bedarfsgerecht ernährt.
Ja, aber es ist Unsinn, nur Rassen und Sorten zu haben, die nur unter solchen Bedingungen funktionieren. Und es ist ebenfalls nicht bedarfsgerecht, wobei damit z.B. die Umwelt gemeint sein könnte.
Wenn du beispielsweise im Gebirge Hochleistungskühe hast, die zu schwer sind um noch auf die nicht ebene Weide zu können und mit vollem Euter wieder zurück zum Stall, oder die ihre Leistung nicht erbringen können, wenn sie nur das kriegen, was eine Kuh ihrem Wesen nach kriegt, nämlich Weide, dann kannst du zwar solche Tiere halten, die "ihre Leistung erbringen wollen". Dennoch ist es unsinnig, denn mit Landwirtschaft im Sinne von Land bewirtschaften hat es wenig zu tun.
Deshalb ist auch die Diskussion um die Welternährung einseitig: Es braucht nicht immer bloss leistungsfähigere Sorten und Rassen, die auf bestem Land mit noch mehr Aufwand noch etwas mehr bringen, es braucht auch und vor allem Sorten, die auf mässigem bis schlechtem Boden noch zuverlässigen wenn auch geringeren Ertrag bringen. Nur die züchtet keiner, denn damit kann man kein Geld verdienen.
Ich kann auch mit einem Porsche auf Feldwege wollen und dann über die schlechten Strassen jammern, die den Wagen ausbremsen. Dann muss man nach dieser Logik jede Strasse verbreitern, begradigen und teeren. Und dann kommt ein anderer mit einem etwas schnelleren Wagen, der noch bessere Strassen braucht, und alles fängt wieder von vorne an. Merkst du etwas?
Ein klassisches Beispiel für solche Fehlentwicklungen sind die Entwicklungsländer, wo man die Landwirtschaft auf Teufel komm raus auf westlichen Industriestandard gebracht hat, mit dem Ergebnis, dass die Landbevölkerung nun in die Bidonvilles und Slums der Grosstädte gezogen ist und dort am Tropf der staatlichen Wohltätigkeit hängt, weil sie nicht mehr von ihrer traditionellen Landwirtschaft leben können. Dafür hat man nun riesige triviale Kulturen für Cash Crops und gewaltige Umweltschäden. Wenn man nur die Erträge in USD pro Hektar und Jahr betrachtet, war das ein Fortschritt - aber ob das die einzige Beurteilungsgrösse sein darf, ist eine andere Frage.
Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion
Verfasst: Mo 11. Okt 2021, 09:47
von penelope
Das Umdenken in der Bevölkerung hinsichlicht der Preise von qualitativ guten Lebensmitteln ist ein Faktor, aber ganz lange nicht der einzige. Aktuell sieht man es ja sehr deutlich: die Verbraucherpreise für Lebensmittel steigen, die Erzeugerpreise für die Landwirte fallen. Handel, Molkerein und Schlachthäuser haben sehr viel Macht bei der Preisgestaltung. Dazu kommt, dass halt zu einem gewissen Teil für den Export produziert wird, und dann sind es eben auch die Weltmarktpreise, die sich duchsetzen.
Würden jetzt tatsächlich innerhalb nicht allzulange Zeit viele Leute umdenken und weniger aber besseres Fleisch kaufen (die Tendenz gab es ja in der Corona-Krise), würde das kurz- bis mittelfristig natürlich erstmal zu einem weiteren Fallen der durchschnittlichen Preise führen, weil das Überangebot noch größer ist, als eh schon. Auf längere Sicht würde sich jedoch die Chance auf einen Strukturwandel hin zu einer nachhaltigeren Produktion bieten. Aktuell gibt es ja durch die zum Teil eingebrochenen Exportmärkte viele Zeichen in diese Richtung.
Es ist natürlich auch nicht im Sinn der Nachhaltigkeit, besonders viele Flächen aus der landwirtschaftlichen Nutzung komplett herauszunehmen, dafür aber auf den verbleibenden Flächen die Nutzung noch weiter zu intensivieren. Dauergrünland, auf dem Kühe weiden oder über das ein Hühnermobil fährt, sind natürlich nicht so artenreich und so wertvoll wie eine unter Naturschutzsaspekten gepflegte Magerwiese, aber es ist immerhin CO2-Senke, Errosionsschutz usw.. Und unter dem Aspket finde ich eben auch die Forschung aus Wietzenhausen so aussagekräftig, dass eben nicht zwangsläufig die Betriebe mit der höchsten Intensität in ihrer Wirtschaftsweise auch die rentabelsten sind. Sich von dieser Denkweise zu befreien, bietet viele Chancen - in jedem Bereich der Wirtschaft.
Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion
Verfasst: Mo 11. Okt 2021, 09:57
von penelope
Und noch als Ergänzung zu emil:
Ich sehe das sehr ähnlich. Zudem ist zusätzlich dazu, wieviel Dollar oder Euro pro Hektar raus springt die Frage relevant, wie sich das, was rauskommt, aufteilt. Wenn ich zwar das meiste Geld pro Fläche raushole, aber dann gleich die Kreditinstitute, Lizenzgeber, Beraterfirmen usw. kommen und mir in die Tasche greifen, bin ich am Ende der Depp vom Dienst.
Man begibt sich in zig Abhängigkeitsverhältnisse, erfährt kaum Selbstwirksamkeit und es ist kein Wunder, dass am Ende so viel Frust steht.
Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion
Verfasst: Mo 11. Okt 2021, 13:22
von Manfred
Mit Kritisieren und Zerstören tut ihr euch leicht.
Das Problem ist, dass funktionierende Lösungen fehlen, bzw. verhindert werden.
Die Landwirtschaft in D ist aktuell in einer absolut verheerenden Situation.
Das, was sich die letzten Jahre noch am ehesten wirtschaftlich rentiert hat, die intensive tierische Veredelung, fährt wegen des weggebrochenen Exports (hauptsächlich nach China, aber auch in andere Länder) massive Verluste ein.
Schnelle Bestandsanpassungen sind zumindest in Deutschland nicht möglich, weil nach dem Tierschutzgesetz keine Tiere aus wirtschaftlichen Gründet getötet werden dürfen.
Obwohl aktuell schon viele Schweine- und Geflügelställe leerstehen und massiv Zuchtsauen aus der Produktion genommen und geschlachtet werden, sobald die Ferkel abgesetzt sind, wächst der Schweinestau (erkennbar an den stetig steigenden Schlachtgewichten).
In der Milchwirtschaft, die noch langsam reagieren kann, sind die Kosten alleine in diesem Jahr um 3 bis 4 Cent je Liter Milch gestiegen, bei stagnierenden Preisen.
Gleichzeitig wird der Pauschalisierungssatz bei der Umsatzsteuer zum Jahresende von 10,7% auf 9,5% gesenkt, was ebenfalls hauptsächlich die intensive Veredelung trifft.
Ausstiegsprogramm wie in den Niederlanden lehnt unsere Regierung ab.
Das Landwirtschaftsgesetz wird von der Regierung seit Jahren einfach ignoriert.
Und weil das nicht reicht, wird auch noch die bisherige Landwirtschaftsförderung komplett umgekrempelt. Biobetriebe werden nach aktuellem Stand von den am 2023 geltenden Reformen massiv getroffen, weil sie die Eco Schemes aufgrund ihrer Verpflichtungserklärungen nicht in Anspruch nehmen können, weil sie die entsprechenden Auflagen eh einhalten müssen und nur freiwillige Einschränkungen gefördert werden dürfen.
Falls hier nicht noch die Bundesländer über die 2. Säule etwas ausgleichen können, wird das ebenfalls viele Betriebe die Existenz kosten. Selbst in meinem kleinen Nebenerwerbsbetrieb würden nach aktueller Kalkulation ca. 6.000 Euro im Jahr fehlen. Das entspricht ca. 2/3 des durchschnittlichen Gewinns der letzten Jahre, der eh schon deutlich zu niedrig war, um Arbeitszeit und das Gebundene Kapital marktgereicht zu entlohnen, obwohl ich deutlich besser aufgestellt bin als viele vergleichbare Betriebe und die Kostenseite massiv inflationiert.
Also steht evtl. auch bei mir die Entscheidung an, das Kapitel zu beenden und evtl. noch etwas Hobbylandwirtschaft für den Eigenbedarf der Familie zu betrieben.
Gleichzeitig steigen die Düngerpreise massiv an. Viele Landhändler können aktuell gar keinen Stickstoffdünger mehr liefern, weil weltweit reihenweise Stickstoffwerke wegen der explodierenden Gaspreise die Produktion eingestellt haben. Wenn sich das bis zum Frühjahr nicht dreht, könnte das massiv auf die weltweite Getreideernte durchschlagen. Dann ist der Hunger zurück, bei den Ärmsten der Armen. Aktuell gelten nach meinem Informationsstand noch ca. 0,8 Mrd. als unterernährt. Das könnte auf 2 Mrd. hochschnellen und der Hungertod für viele wieder eine reale Bedrohung werden.
Aber die Erdbevölkerung muss nach Ansicht einiger ja dringend reduziert werden. Aber natürlich nur die anderen, nicht man selbst. Deren feuchte Träume könnten dann wahr werden.
Ich hoffe, dass es nicht so kommt.