Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

sybille
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Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#4821

Beitrag von sybille »

Rohana hat geschrieben: Mi 10. Apr 2024, 07:19 Eh, auch konvi Getreide wird nur mit der "nötigen" Menge gedüngt. Die hängt nämlich von der Weizensorte und vom Ertrag ab. Durch die Auflagen der roten Gebiete muss man zwangsläufig immer 20% unter der "nötigen" Menge bleiben, egal wie die aussieht. Dummerweise wird damit auf längere Sicht der Bodenvorrat angegriffen weil die Kultur trotzdem Hunger hat, also wird Humus abgebaut. Ich gehe auch jede Wette ein dass diese Massnahmen eben nicht grossartig die Nitratwerte im Grundwasser ändern werden. Aber das werden sie erst glauben wenn es so weit ist... :bang:
Rohana, sorry!
Natürlich wäre auch Konvi Getreide zum Brot backen geeignet (war es doch früher auch) wenn es denn noch Bäcker gäbe die backen können und nicht nur Größbäckereien mit Maschinen die eingestellt sind und die ihren Kunden immer das genau gleiche Brot backen weil diese es verlangen.
Hühner sind Menschen wie Du und ich, nur das sie zur Hausordnung Hackordnung sagen.
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emil17
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Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#4822

Beitrag von emil17 »

Rohana hat geschrieben: Mi 10. Apr 2024, 07:19Durch die Auflagen der roten Gebiete muss man zwangsläufig immer 20% unter der "nötigen" Menge bleiben, egal wie die aussieht. Dummerweise wird damit auf längere Sicht der Bodenvorrat angegriffen weil die Kultur trotzdem Hunger hat, also wird Humus abgebaut. Ich gehe auch jede Wette ein dass diese Massnahmen eben nicht grossartig die Nitratwerte im Grundwasser ändern werden.
Hierzu hätte ich betriebswirtschaftliche Fragen.
[Hinweis an mod: Falls sinnvoll, gerne neues Thema draus machen. Ich möchte das auch nicht in eine letztlich ergebnislose Grundsatzdiskussion ausufern lassen, aber mich interessiert, was in unserer realen Welt hier und jetzt möglich ist. Auch deshalb sind Ertragswerte regenerativer Methoden wichtig, damit man so grob abschätzen kann, was das betrriebswirtschaftlich bedeutet. Im Hausgarten hat man sehr viel mehr Möglichkeiten - aber solange 90% oder mehr der Bevölkerung keinen Garten haben und fernab von den Flächen wohnen, auf denen ihr Essen erzeugt wird, muss man sich an die realen Möglichkeiten von Erwerbsbetrieben halten. Denn Landwirtschaft nur um des Humusaufbaus willen zu betreiben, wird sich kaum ein Betrieb leisten können.]
Wenn man weniger N (und P und K usw.) auf den Acker gibt als abgeerntet wird abzüglich Nachlieferung durch natürliche Prozesse, dann muss der Vorrat abnehmen. Wenn die Speicherkapazität des Bodens schlecht ist, z.B. wegen ungünstiger Struktur oder Humusarmut, dann müsste man, um Auswaschungen ins Grundwasser zu vermeiden, oft, und wenig pro Gabe, düngen. Das ist ein Mehraufwand, verglichen mit wenn man alles unter zweimal oder so ausbringen könnte. Kann es sein, dass man Düngerverluste in Kauf nimmt, weil der Mehrdünger weniger kostet als der vemiedene Aufwand für häufigeres Ausbringen? Zumal ja gewisse Kulturen ungern befahren werden, wenn sie hoch stehen?
Ein weiterer Grund könnte sein, dass bei Abernte plötzlich das ganze Wurzelwerk abstirbt, weil ja der grüne Teil der Pflanze weg ist, dieses sich dann rasch zersetzt und mangels Speicherfähigkeit des Bodens die Nährstoffe unten rauskommen, die vorher in den Wurzeln waren. Das ist z.B. aus der Forstwirtschaft bekannt, wo nach Kahlschlag ein Nährstoffschub auftritt, der letztlich aus den Baumwurzeln kommt. Und das sind Böden, die nicht durch falsche Bewirtschaftung zerstört worden sind, sondern jahrzehntelang in Ruhe gelassen wurden.
Gibt es dazu Untersuchungen von landwirtschaftlichen Forschungsanstalten oder Musterbetrieben? Irgendwie müssen die ja auf die 20% gekommen sein.
Mir leuchtet nur ein, dass man hier umso weniger Spielraum hat, je schlechter der Boden ist. Humus aufzubessern, indem man Mist oder Kompost auffährt, dürfte im gewerblichen Anbau auf grossen Flächen an der erforderlichen Menge und an der Logistik dazu scheitern.
Eine Möglichkeit ist wohl Gründüngung, indem man einen Teil der (durch Wurzelabbau abgeenteter Ertragspflanzen) freiwerdenden Nährstoffe in diese rasch wachsende Biomasse verlagern kann, wo sie dann vor Auswaschung geschützt ist.
Aber eben die Frage: Was ist real machbar und was bringt es? Bewirken die Auflagen der Behörden, die ja nicht ohne Grund erlassen wurden und offensichtliche Misstände beheben wollen, etwas oder verhindern sie eher andere Möglichkeiten, die unterm Strich besser wären?
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Tscharlie
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Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#4823

Beitrag von Tscharlie »

https://www.ardmediathek.de/video/unser ... YjgyMmMyZQ

Eine Sendung vom bayrischen Fernsehen, ab 17:30 wird das interressant. Carbon farming.
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emil17
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Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#4824

Beitrag von emil17 »

Hab ich mir angesehen, danke für den Link. Interessant die Anbaumethode des Getreides in Streifen auf kleinen Wällen. Da wird offenbar mehr Humus gebildet, obwohl ja der Boden durch das Ziehen der Wälle auch gestört, wenn auch nicht umgegraben wird. Leider zeigen sie nur ansatzweise, wie die Massen von Gründüngung verkompostiert und ausgebracht werden. Es wird erwähnt, und man sieht den Kreiselmäher.
Der Beitrag zeigt auch, dass die Landwirte durchaus innovativ sind, wenn man sie lässt.
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emil17
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Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#4825

Beitrag von emil17 »

In Sitten, Schweiz wurden die bisher ältesten bekannten Hinweise auf Bodenbearbeitung durch Tiere in der Steinzeit in Mitteleuropa gefunden, datiert auf 5100 - 4700 Jahre v. Chr.
Publikation in Englisch: https://www.nature.com/articles/s41599-024-02837-5
Es zeigt unter anderem auch die Fortschritte in Archäologie und Analytik, welche solche Entdeckungen erst möglich machen.
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Tscharlie
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Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#4826

Beitrag von Tscharlie »

Kompostiert wird in langen "Wällen", natürlich alles mit Maschinen aufgebracht und auch "durchgearbeitet" und verteilt. So wie das im ganz großen Stil in den Kompostwerken passiert. Nichts mit Handarbeit, das wäre bei den Mengen nicht möglich.

Und ja, viele Landwirte sind innovativ. Aber nichts läßt sich morgen sofort und ohne Aufwand von allen umsetzten.

Neue Ideen braucht das Land, aber auch Meschen die sich trauen einfach mal anzufangen, der Troß wird dann langsam folgen.

Leider finde ich den Bericht eines jungen Bergbauern Ehepaares gerade nicht. Die haben ihren Hof eigentlich zurückentwickelt, denn sie sind der Meinung, alles was sie für Ihre Familie selbst herstellen können müssen sie nicht im Supermarkt kaufen. Das klingt sehr altertümlich, die Beiden fühlen sich aber wohl dabei. Die sehen sich aber nicht "Aussteiger", sondern sie gehen ihren Weg in dieser Form.
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Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#4827

Beitrag von emil17 »

Davon gibt es viele - aber längerfristig funktionieren tut es nur, wenn man Kinder hat, die bald mithelfen und dann übernehmen. Die Arbeit ist körperlich extrem anstrengend. Beim Heu machen in den Bergen hast du 16-Stunden Tage.
Es besteht die Gefahr, dass man angesichts der vielen ungetanen Arbeit sich selbst vergisst und verbittert. Irgendwann mag man dann nicht mehr.
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Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#4828

Beitrag von Rohana »

emil17 hat geschrieben: Do 11. Apr 2024, 07:58 [...] dann müsste man, um Auswaschungen ins Grundwasser zu vermeiden, oft, und wenig pro Gabe, düngen. Das ist ein Mehraufwand, verglichen mit wenn man alles unter zweimal oder so ausbringen könnte. Kann es sein, dass man Düngerverluste in Kauf nimmt, weil der Mehrdünger weniger kostet als der vemiedene Aufwand für häufigeres Ausbringen? Zumal ja gewisse Kulturen ungern befahren werden, wenn sie hoch stehen?
Kann ich so nicht beantworten und ich meine, da kommts vor allem drauf an, ob jemand organische Dünger hat oder nicht. Gülle und insbesondere Mist wirken ja langsamer, bzw. haben nur in Teilen sofort verfügbare Nährstoffe und liefern noch lange nach. Mineralische Dünger bringt man dann aus wenn sie gebraucht werden, also in bestimmten Wachstumsstadien je eine Gabe.
Ein weiterer Grund könnte sein, dass bei Abernte plötzlich das ganze Wurzelwerk abstirbt, weil ja der grüne Teil der Pflanze weg ist, dieses sich dann rasch zersetzt und mangels Speicherfähigkeit des Bodens die Nährstoffe unten rauskommen, die vorher in den Wurzeln waren.
Moment... bei welcher Kultur ist das denn der Fall? Getreide und Leguminosen werden abgereift geerntet, Raps auch... Silagemais ist noch etwas grün, da greift das vielleicht. Aber wir ernten doch keine vollgrünen Pflanzen - ausser bei Gras/Klee, wo aber der Rest nicht abstirbt.
Eine Möglichkeit ist wohl Gründüngung, indem man einen Teil der (durch Wurzelabbau abgeenteter Ertragspflanzen) freiwerdenden Nährstoffe in diese rasch wachsende Biomasse verlagern kann, wo sie dann vor Auswaschung geschützt ist.
Zwischenfrüchte sind weit verbreitet und erfüllen mehr Funktionen als nur das "Retten" von Nährstoffen, so denn welche frei werden bzw. noch verfügbar sind. Es hängt allerdings an vielen Faktoren ob da viel zu "retten" ist und ob sich eine Zwischenfrucht überhaupt sinnvoll etablieren lässt (wie lange soll sie stehen, wie ist die Wasserverfügbarkeit über den Zeitraum, wieviel Bodenbearbeitung / Einarbeitung braucht es vor der nächsten Kultur...). Wünschenswert ist eine möglichst gute Bodenbedeckung und -durchwurzeling natürlich immer. Nur bitte nicht von Unkräutern, danke :lol:
Gibt es dazu Untersuchungen von landwirtschaftlichen Forschungsanstalten oder Musterbetrieben? Irgendwie müssen die ja auf die 20% gekommen sein.
Das ist eine gute Frage und soweit ich weiss gibt es keinen wissenschaftlichen Anhaltspunkt für die 20%. Es musste einfach irgendwas gemacht werden, aber wenn das eine sachliche Begründung hätte wüsste man sicher davon...
Aber eben die Frage: Was ist real machbar und was bringt es? Bewirken die Auflagen der Behörden, die ja nicht ohne Grund erlassen wurden und offensichtliche Misstände beheben wollen, etwas oder verhindern sie eher andere Möglichkeiten, die unterm Strich besser wären?
Gut gemeint ist nicht gut gemacht, das ist idR das Problem - leider. Ich habe bisher keine praktisch positiven Auswirkungen neuer Regeln und Gesetze gesehen...
Ein jeder spinnt auf seine Weise, der eine laut, der andere leise... (Ringelnatz)
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Tscharlie
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Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#4829

Beitrag von Tscharlie »

https://www.ardmediathek.de/video/Y3JpZ ... YzBhOTU0Mw

Das ist der Bericht ab 8:30 Minuten.

Von Verbitterung bei dem jungen Paar keine Spur zu merken.
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Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#4830

Beitrag von Tscharlie »

emil17 hat geschrieben: Fr 12. Apr 2024, 08:04 Davon gibt es viele - aber längerfristig funktionieren tut es nur, wenn man Kinder hat, die bald mithelfen und dann übernehmen. Die Arbeit ist körperlich extrem anstrengend. Beim Heu machen in den Bergen hast du 16-Stunden Tage.
Es besteht die Gefahr, dass man angesichts der vielen ungetanen Arbeit sich selbst vergisst und verbittert. Irgendwann mag man dann nicht mehr.
Ich glaube das ist eines der Grundprobleme bei der Landwirtschaft, wie sie zumindest von kleineren Betrieben gedacht wird.

Was ist wenn die Kinder darauf keine Lust haben? Was ist wenn der/die Hofnachfolger*in keinen Partner findet?
Sorry das * muss sein, denn in Bayern ist das ja per CSU verboten. ;-)

Besser wäre es Höfe in einen großen Topf zu geben und jeden Hof dann Menschen anvertrauen die sich darum kümmern. Egal in welcher Wohngemeinschaft. Aber das sprengt wohl in diesem Thread schnell den Rahmen.
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