Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

penelope
Beiträge: 553
Registriert: Mo 26. Nov 2018, 14:41

Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#2971

Beitrag von penelope »

Man kann einen Markt auch nicht nur von der Angebotsseite aus betrachten. Nur einmal als Gedankenspiel: Was würde denn passieren, wenn von jetzt auf gleich sämtliche Auflagen gelockert würden? Vermutlich wären dann recht kurzfristig merkliche Produktionssteigerungen machbar.

Das hört sich natürlich erst einmal gut an, aber wie geht es dann weiter? Die Nachfrage ist relativ stabil, die Preiselastizität (übrigens mal wieder ein wirtschaftswissenschaftlicher Begriff, den Friedrich Merz nicht so richtig versteht ;) ) ist sehr gering. Es entsteht ein Überangebot an einem bestimmten Gut. Die Produzenten werden Schwierigkeiten bekommen, ihre Güter los zu werden und die Verhandlungsmacht der Käufer (Molkereien, Verarbeiter, Lebensmitteleinzelhändler) steigt. Natürlich werden diese dann bei dem kaufen, der bereit ist, für den niedrigsten Preis zu verkaufen und die Marktpreise insgesamt werden fallen. Der Produzent „ackert“ (im wörtlichen Sinne) mehr, wird aber unter dem Strich am Ende wirtschaftlich nicht besser dastehen.

Eine noch weitere Steigerung der Produktivität in den Bereichen, in denen wir eh schon überversorgt sind, stärkt am Ende nur die Lebensmittelindustrie, aber schwächt die Position der Landwirte noch weiter.

Diese Strategie geht aus volkswirtschaftlicher Sicht, auch nach ganz klassischer erzkonservativer Linie, und auch unter Ausbeldung aller Umweltaspekte einfach nicht auf.
sybille
Beiträge: 3274
Registriert: Mi 2. Nov 2011, 19:48

Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#2972

Beitrag von sybille »

Hier erhält so ein Milchviehbetrieb immerhin 300 Euro je ha an Subventionen und einen Milchpreis von 35 Cent.

Mein Biomilchbauer nimmt 60 Cent/Liter ab Tank. Nur gekühlt, nicht pasteurisiert. Und er hat viele Milchkunden. Die einen kommen nur für die Milch, die anderen kaufen die Milch 10 l weise da sie Käse machen den sie aus der pasteurisierten Milch nicht machen können. Die frische gekühlte Milch hält sich im Kühlschrank mind. eine Woche. Ein Umdenken der Landwirtschaft und auch des Verbrauchers wäre sinnvoll. Unterstütze ich lieber den Landwirt selber oder die, die seine Produkte vermarkten?
Hühner sind Menschen wie Du und ich, nur das sie zur Hausordnung Hackordnung sagen.
Benutzeravatar
Rohana
Förderer 2018
Förderer 2018
Beiträge: 4791
Registriert: Mo 3. Feb 2014, 20:31
Familienstand: verheiratet
Wohnort: Oberpfalz

Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#2973

Beitrag von Rohana »

Eberhard hat geschrieben: So 10. Okt 2021, 16:37 Es gibt auch jene, die feststellen, so wie sie bisher gewirtschaftet haben, können sie nicht mehr weitermachen.

Aus Syntropie statt Monotonie - Eine andere Landwirtschaft ist möglich.
„Mindestens elfmal pro Erntezyklus sprühen wir, also im Schnitt alle zehn Tage“, erzählt Borges, ein misstrauischer Grossbauer in Karohemd, Jeans und Strohhut. Der 49jährige besitzt 10.000 Hektar. Zweimal erntet er im Jahr, Soja und Mais im Wechsel.
Ja, in den ersten drei Sätzen steht schon was bei dem falsch läuft, und DAS mit der Landwirtschaft hier zu vergleichen, ist völlig sinnfrei. Wie gut dass ich hier zwei Tage nicht rein geguckt habe :roll:

Wie das so ist mit regionaler Versorgung übrigens... es gibt im näheren Umkreis keine Gemüsebauern, genauso gibt es hier keine Kühe auf der Weide. Warum? Weil's nicht funktioniert - oder zumindest nicht so gut, dass es sich lohnt! Essen wir jetzt nur noch ganz regionales Fleisch (davon gibts viel), Milch und Eier, oder fressen wir den Viechern das Futtergetreide weg und leben halt ohne Gemüse? :hmm:

Ich überlege übrigens rein zum Spass eine Pseudo-SoLaWi mit zwei Freundinnen* zu gründen, um Pleiten, Pech und Pannen gemeinsam zu erleben. Muss nur noch meinem Mann ein kleines Stück Acker abluchsen und überlegen wieviel wir wirklich in Handarbeit machen wollen, bzw wer es macht und zu welchem Preis...

* = überzeugte Bio-Grüninnen, aber mit Bezug zur Realität

Aktueller Milchpreis übrigens seit 4 Monaten gleich, auf 37 Cent. Hat schon irgendwer erwähnt dass Mineraldünger mittlerweile mehr als das Doppelte kosten?
Ein jeder spinnt auf seine Weise, der eine laut, der andere leise... (Ringelnatz)
Manfred

Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#2974

Beitrag von Manfred »

sybille hat geschrieben: Di 12. Okt 2021, 17:51 Mein Biomilchbauer nimmt 60 Cent/Liter ab Tank. Nur gekühlt, nicht pasteurisiert. Und er hat viele Milchkunden. Die einen kommen nur für die Milch, die anderen kaufen die Milch 10 l weise da sie Käse machen den sie aus der pasteurisierten Milch nicht machen können. Die frische gekühlte Milch hält sich im Kühlschrank mind. eine Woche. Ein Umdenken der Landwirtschaft und auch des Verbrauchers wäre sinnvoll. Unterstütze ich lieber den Landwirt selber oder die, die seine Produkte vermarkten?
Hm. Das sollte man evtl. nicht öffentlich schreiben. Das hört sich nach einem Geschäft unter der Hand und vorbei an den Behörden an.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass er legal zu diesem Preis Vorzugsmilch vermarkten kann.

Wenn es nach mir ginge, würden die gesamte Direktvermarktung und das kleine Lebensmittelhandwerk von allen lebensmittelrechtlichen Vorschriften freigestellt.
Ein Schild an die Tür, dass dieser Betrieb nicht staatlich kontrolliert wird und man auf eigenes Risiko dort einkauft. Dann je jeder selbst entscheiden, ob er dort kauft oder nicht.
Und wer es als Verkäufer als Vorteil ansieht, könnte sich nach belieben freiwillig prüfen und zertifizieren lassen.
Wer dort nicht kaufen will, geht halt wie bisher in den Supermarkt und kauft die komplett kontrollierte und zertifizierte Industrieware.

Dann könnte jeder Bauer günstig Milch am Tank verkaufen und der kleine Dorfmetzger und -Bäcker hätten wieder eine reale Chance und deutlich mehr Lebensfreude durch viel weniger Bürokratie.

Es passiert aber das Gegenteil. Jedes Jahr kommen neue Vorschriften dazu, die die kleinen Betriebe systematisch wirtschaftlich erdrücken und zudem den Betroffenen die Freude an der Arbeit und damit die Lebensqualität rauben.
Eule
Beiträge: 461
Registriert: So 8. Aug 2010, 19:06
Wohnort: Hunsrück

Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#2975

Beitrag von Eule »

Manfred hat geschrieben: Di 12. Okt 2021, 21:15 Ein Schild an die Tür, dass dieser Betrieb nicht staatlich kontrolliert wird und man auf eigenes Risiko dort einkauft. Dann je jeder selbst entscheiden, ob er dort kauft oder nicht.
Im Prinzip eine gute Idee, aber das Schild würde dann vermutlich nicht reichen, wie ich das mit dem Haftungsauschluss so kenne :roll:
Wahrscheinlich müsste jeder Kunde eine Auflistung mit möglichen Risiken und Nebenwirkungen per Unterschrift als gelesen quittieren :pfeif:

Ich kann mich erinnern, als Kind von meiner Mutter zum Milchbauern im Dorf geschickt worden zu sein, mit einer Milchkanne und einigen Münzen, um dort kuhwarme Milch zu holen. Irgendwie haben wir es schadlos überstanden :hmm:
Wenn's damals schon nicht legal gewesen sein sollte - es ist garantiert verjährt! :holy:
Benutzeravatar
emil17
Beiträge: 8389
Registriert: Di 21. Sep 2010, 08:07
Wohnort: In der Schweiz da, wo die Berge am höchsten sind

Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#2976

Beitrag von emil17 »

Das mit der Bürokratie für Kleinerzeuger ist in der Tat eine Plage.
Manfred hat geschrieben: Di 12. Okt 2021, 21:15 Das sollte man evtl. nicht öffentlich schreiben. Das hört sich nach einem Geschäft unter der Hand und vorbei an den Behörden an.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass er legal zu diesem Preis Vorzugsmilch vermarkten kann.
Was ist daran illegal, so lange man alle Einkünfte deklariert? Knebelverträge mit Grossmolkereien, wo im Kleingedruckten steht, dass man nicht an denen vorbei verkaufen darf?
Rohana hat geschrieben: Di 12. Okt 2021, 19:00 Wie das so ist mit regionaler Versorgung übrigens... es gibt im näheren Umkreis keine Gemüsebauern, genauso gibt es hier keine Kühe auf der Weide. Warum? Weil's nicht funktioniert - oder zumindest nicht so gut, dass es sich lohnt!
Dann muss halt einer anfangen, wieder ein wenig Kartoffeln und Krautköpfe zu machen und es ab Hof zu verkaufen und seine Kühe wieder mal auf die Wiese zu lassen. Wenn ihr eine Rasse habt, die mit vollem Euter selber in den Stall zurück kann, dann sollte das sogar funktionieren.
Aber es stimmt wohl, letzthin hat mir ein Bekannter erzählt, er sei im Allgäu gewesen und hätte dort riesige Ställe und knallgrüne Wiesen, aber keine Kühe gesehen.
Mal eben gegoogelt: Allgäuer Heumilch:
"Heumilch wird von "Heumilchkühen" ermolken. Diese genießen eine ganz besondere, traditionelle Fütterung: im Sommer Gräser und Kräuter auf der Weide, im Winter Heu."
Ja, wenn das schon was ganz besonderes ist, dass die Viecher im Sommer Gras und im Winter Heu zu fressen kriegen, dann habt ihrs wirklich weit gebracht. Fragt sich, was für Milchkühe inzwischen normal ist. Werden die im Sommer auf der Weide gefüttert oder weiden die?
Das mit dem Feldgemüseanbauklub würde ich mal ausprobieren, und wenn ihr das gut macht, besteht ernsthaft ein Risiko, dass ihr Kunden findet - also Vorsicht!
Wer will, findet einen Weg. Wer nicht will, findet eine Ausrede.
Manfred

Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#2977

Beitrag von Manfred »

Das war ein Versehen meinerseits.
Für den Direktverkauf auf dem Hof gibt es noch eine extra Regelung für Rohmilch, die mit weniger Auflagen verbunden ist als der Verkauf von Vorzugsmilch (besonders streng überwachte Rohmilch welche auch abseits des Hofs und über den Handel verkauft werden darf).
Der Rohmilchverkauf ab Hof muss beim Veterinäramt angemeldet und die Verkaufsstelle mit einem Warnhinweis zum Abkochen der Milch versehen werden. Es gelten Auflagen nach dem Lebensmittelrecht und dem Infektionsschutzrecht. Der Betrieb muss einmal jährlich an einer infektionsschutzrechtlichen Schulung teilnehmen.
Bei Vorzugsmilch gelten höhere Auflagen und es gibt häufigere Kontrollen.
Benutzeravatar
Rohana
Förderer 2018
Förderer 2018
Beiträge: 4791
Registriert: Mo 3. Feb 2014, 20:31
Familienstand: verheiratet
Wohnort: Oberpfalz

Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#2978

Beitrag von Rohana »

emil17 hat geschrieben: Di 12. Okt 2021, 23:02 seine Kühe wieder mal auf die Wiese zu lassen. Wenn ihr eine Rasse habt, die mit vollem Euter selber in den Stall zurück kann, dann sollte das sogar funktionieren.
Haja unsere Kühe können mit vollem Euter laut trompetend den Stall auf und ab galloppieren, an der Bewegungsfähgikeit liegts nicht...
Beim beweiden geht so viel Aufwuchs verloren, dass wir für dieselbe Anzahl Kühe deutlich mehr Fläche bräuchten, plus erhöhter Zeit- und Materialaufwand für Stallumbau, umtreiben und zäunen und Leistungseinbussen durch deutlich subtoptimale Fütterung. Klar, machen kann man irgendwie alles, dann müssten wir für unsere Milch aber einen ganz anderen Preis bekommen und das ist ohne weiteres nicht drin.
Das mit dem Feldgemüseanbauklub würde ich mal ausprobieren, und wenn ihr das gut macht, besteht ernsthaft ein Risiko, dass ihr Kunden findet - also Vorsicht!
Ich weiss, für ein paar Leute klingt es wirklich unglaublich, aber es ist wirklich nicht umsonst so dass es hier keinen Freilandgemüsebau gibt. Ich bin halt gespannt wer mehr Geld für potentiell qualitativ und quantitativ schlechtere Ware zahlen will, nur weil's ganz doll regional ist... wie weit geht die Liebe da?
Ein jeder spinnt auf seine Weise, der eine laut, der andere leise... (Ringelnatz)
Manfred

Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#2979

Beitrag von Manfred »

Wir ergehen uns aber wieder in Nischenbetrachtungen, die keine Lösungen für den Gesamtsektor liefern.
penelope hat geschrieben: Di 12. Okt 2021, 11:33 Man kann einen Markt auch nicht nur von der Angebotsseite aus betrachten. Nur einmal als Gedankenspiel: Was würde denn passieren, wenn von jetzt auf gleich sämtliche Auflagen gelockert würden? Vermutlich wären dann recht kurzfristig merkliche Produktionssteigerungen machbar.
Ich warte nach wie vor auf eine Konstruktiven Vorschläge.
Die Produktionsmenge in D spiel kaum noch eine Rolle für das Marktgeschehen und die Preisentwicklung.
Die Agrarmärkte sind stark international ausgerichtet.
Das hat Vor- und Nachteile.
Es ist ja z.B. eine gute Sache, wenn die Tiere nach der Schlachtung mögl. vollständig genutzt werden.
Tönnies und andere Großschlachter haben das perfektioniert. Jedes Teilstück wurde weltweit dahin geliefert wo es die höchsten Erlöse bringt. Die ganzen Nebenprodukte wie Innereien, Häute, Knochen werden bzw. wurden aufbereitet und bestmöglich für verschiedenste Zwecke genutzt.
Die Knochen wurden nach dem Zerlegen in Separatoren abgepresst und noch die kleinsten Fleischreste zu gewinnen und als Rohstoff für die Wurstverarbeitung etc. zu verkaufen. Andere Bestandteile gehen an die Pharma- und Chemieindustrie. Für Lebensmittel nicht nachgefragte Fette werden zu Biodiesel verarbeitet usw. usw.
Da blieb praktisch kein Abfall übrig.
Die Verwertung der Nebenprodukte war so gut, dass dadurch die kompletten Schlachtkosten + X erwirtschaftet werden konnten. Der restliche Schlachtkörper konnte so billiger an den Handel weiterverkauft werden, als er vom Bauern eingekauft wurde.
Eine derartig optimale Nutzung der Nebenprodukte können kleine Regionalschlachthöfe nicht leisten, weil ihre anfallenden Mengen keine wirtschaftliche Weiterverarbeitung ermöglichen. Deshalb landet dort ein viel größere Anteil im Konfiskat, wo er dann zu Tiermehl verarbeitet wird, das z.B. im Haustierfutter landet. (Für Nutztiere darf dieses hochwertige Futtermittel ja nur noch sehr eingeschränkt genutzt werden.)
Die kleinen Schlachthöfe müssen deshalb höhere Kosten auf die Abnehmer umlegen und sind deshalb wirtschaftlich nicht konkurrenzfähig.
Nachteile der Großschlachtbetriebe sind z.B. längere Transportwege, eine Monopolstellung der Abnehmerseite, einen hohe Störanfälligkeit und leichte Zerstörbarkeit der stark Zentralisierten Versorgungsstrukturen, was die Versorgungssicherheit gefährdet.

Aktuell haben die Großschlachter gewaltige Probleme durch den weggefallenen Chinaexport. China hat diverse Teilstücke, die unsere Verbraucher kaum nachfragen, zu guten Preisen gekauft. Gleichzeitig ist auch anderen europäischen Ländern, v.a. Spanien, das in den letzten Jahren seine Mastkapazitäten massiv ausgebaut hat, der Export weggebrochen. Die Übermengen drücken auf den europäischen und besonders den deutschen Markt, weil Spanien aktuell mit sehr niedrigen Preisen nach Deutschland herein drückt. Dazu kommen große Mengen an Muttersauen, die zwecks Bestandsreduzierung geschlachtet werden. Hier bestehen inzwischen lange Wartelisten bei den Schlachthöfen.
Das Abdrücken der Knochen (Separatorenfleisch) wurde bei Tönnies eingestellt, weil wegen des billigen Sauenfleisches danach aktuell keine Nachfrage mehr besteht. Es landet sehr viel Material in der Tiermehlproduktion, das mangels Export keine Nachfrage mehr hat.
Als Deutschland letztes Jahr seine Schweinebestände reduziert hat, haben gleichzeitig die anderen EU-Länder ihre Produktion erhöht, so dass die Menge in der Gesamt-EU gewachsen ist.
Unsere Erzeuger haben durch Bestandsreduzierung kaum noch Einfluss auf die Menge am Markt und damit den Preis.
Gleichzeit haben wir die höchsten und teuersten Auflagen in der EU. Wo das hinführt ist klar, unsere Veredelungswirtschaft ist nicht mehr wirtschaftlich und die Kapazitäten wandern ins Ausland ab, von wo wir dann beliefert werden.

Jetzt sehen die Großschlachter durch das Wegbrechen der Versorgung die Auslastung ihrer Kapazitäten und damit ihre Wirtschaftlichkeit gefährdet und der Handel fürchtet um seine Versorgungssicherheit.
Deshalb versucht die Politik über die Tierwohlumlage einen Teil der Produktion in Deutschland zu halten. Ob das gelingt ist zweifelhaft, weil absehbar andere EU-Länder und Unternehmen wegen Ungleichbehandlung klagen werden, wie bei der Maut wegen der Entlastung über die Kfz-Steuer.
Der Handel und die Schlachtwirtschaft versuchen gemeinsam ein 5 x D Siegel einzuführen, für Schweine die komplett in D aufgezogen und verarbeitet wurden und wollen damit wenigstens den Frischfleischmarkt, der aber nur einen Bruchteil des Gesamtmarktes ausmacht, gegen Importe schützen. Das wird aber auch nur so lange funktionieren, wie die Verbraucher die höheren Preise zahlen. Wenn ein Discounter aus der Front bricht und wieder auf billig setzt, ist diese Initiative Geschichte, wie die vorher schon gescheiterten freiwilligen Tierwohlprogramme, wo der Handel die Mehrkosten bei den Verbrauchern nicht durchsetzen konnte. Wenn das Fleisch 50 Cent mehr kostet als beim billigeren Handel ohne Siegel nebenan, bleibt es in den Kühltruhen liegen. Laut Umfragen sind ja 95% der Verbraucher gerne bereit, für Tierwohl mehr auszugeben. In der Praxis ist es genau umgekehrt. Da sind es evtl. 5%. Der Rest kauft mögl. billig.
Und diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist es, welche die heimischen Erzeuger aufreibt.
Die Verbraucher in Österreich, Frankreich und der Schweiz sind viel mehr bereit, für alleinstellungsmerkmale wie Regionalität und höhere Standards Geld auszugeben. Entsprechend größer sind dort die einschlägigen Marktsegmente.
Deutschland ist das extremste Billiglebensmittelland in Europa.
penelope
Beiträge: 553
Registriert: Mo 26. Nov 2018, 14:41

Re: Meldungen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion

#2980

Beitrag von penelope »

Manfred hat geschrieben: Mi 13. Okt 2021, 00:41
Ich warte nach wie vor auf eine Konstruktiven Vorschläge.
Die Produktionsmenge in D spiel kaum noch eine Rolle für das Marktgeschehen und die Preisentwicklung.
Die Agrarmärkte sind stark international ausgerichtet.
Ich hab doch schon mehrmals geschrieben, dass ich eine Obergrenze für Flächenprämien und dafür eine stärkere Förderung von Umweltleitungen sinnvoll finden würde. Das ist doch recht konkret und es ist auch durchaus denkbar, dass es tatsächlich in Zukunft in diese Richtung gehen wird.

Ich glaub, wir sind gar nicht so weit auseinander. Natürlich hat die deutsche Produktionsmenge aktuell kaum Einfluss auf die Preise. Daher die theoretische Überlegung, was wäre, wenn es jetzt plötzlich einen ganz deutlichen Anstieg geben würde. Kurzfristig ein Fallen der Preise, langfristig würde sich vermutlich ein ähnlicher Preis wie vorher wieder einstellen, wobei die Differenz sehr sicher eher bei den Händlern und nicht bei den Landwirten bleiben würde. Der Preis, mit dem ein Gut an den Rohstoffmärkten gehandelt wird, muss ja nicht zwingend der gleiche sein, den man tatsächlich bei dem Abnehmer vor Ort auch bekommt. Ganz langfristig würde dann vermutlich an irgend einer anderern Stelle der Welt entsprechend weniger produziert werden, weil die Nachfrage einfach begrenzt ist und es tendiert wieder zum Ausgangspunkt zurück. So funktionieren Märkte einfach. Bei diesem Auspendeln zum Gleichgewicht gibt es immer einzelne Akteure, die (wenigstens zeitweise) Gewinner oder Verlierer des ganzen sind. Bei einer starken Steigerung der Produktivität wird es natürlich einzelne Betriebe geben, die daraus ihren Nutzen ziehen - aber im gleichen Zug stehen andere schlechter da. Auch das ist kein Weg, der alle mitnimmt.

Großschlachtereien und generell industrielle Tierverarbeitung sind natürlich effizient und für die Eigner sehr wirtschaftlich, aber gerade dieser Bereich war und ist ein Paradebeispiel dafür, wann reine Marktwirtschaft eben nicht mehr zu optimalen Ergebnissen führt. Nämlich immer dann, wenn durch eine Wirtschaftsweise Kosten entstehen, die nicht im Betrieb selbst sondern in der Gesellschaft anfallen. Beim BSE-Skandal hat die für betreffende Industrie effizienteste Wirtschaftsweise zu dramatischen Schäden in der Gesundheit der Bevölkerung geführt. Durch die schlechten Bedingungen, unter denen die Leiharbeiter bei Tönnies untergebracht waren, konnten dort Corona-Cluster entstehen, die dann natürlich auch die restliche Bevölkerung gefährdet haben. Das hat natürlich in erster Linie ethische und morlaische Aspekte, die berücksichtigt werden müssen, aber auch aus ganz emotionsloser und kalter marktwirtschaftlicher Perspektive muss in solchen Fällen lenkend durch den Staat eingegriffen werden, da sich ansonsten keine realistischen Preise bilden können. In dem Punkt ist man in Deutschland (wie in den meisten anderen Ländern der Welt) viel zu zaghaft und überlässt viel zu viel Macht den Lobbyisten.
Antworten

Zurück zu „Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion“