Glyphosat-Diskussion

Manfred

Re: Glyphosat-Diskussion

#431

Beitrag von Manfred »

Versuch so eine Fruchtfolge mal in einer Region mit intensiver Veredelung.
Das Land bist du bald los.
Am ehesten rentieren noch die Rüben, wenn du die entsprechende Quote und den passenden Standort hast. Deckungsbeitrag ca. 1350 Euro pro ha. Aber die Quoten laufen in Kürze aus. Dann läuft es wie bei der Milch.
Hafer geht der Deckungsbeitrag gegen null (das Wochenblatt hat ihn diese Woche auf 30 Euro pro ha geschätzt).
Klee hängt von der eigenen Verwertung ab.
Winterweizen ca. 195 Euro DB bei den aktuellen Preisprognosen zur Ernte 2016.
Industrierüben ohne Quote derzeit ca. 450 Euro
Futtergerste gegen Null.
Bohnen sind schon beim Deckungsbeitrag ein Draufzahlgeschäft. Ca. - 100 Euro.
Sommerweizen 150 Euro?

Dazu kommt dann die EU-Prämie. Und aus der Summe von Prämie und Deckungsbeitrag muss der Betrieb alles Zahlen, was außer den Direktkosten noch so anfällt. Also Pacht, Betriebliche Versicherungen und Beiträge, Bürokosten, Abschreibung und Unterhalt der Betriebsgebäude, den Betriebs-PKW usw. usw.
Wenn der Betrieb im Schnitt auf eine Summe von 500 Euro pro ha aus Deckungsbeitrag und Flächenprämie kommt und 300 Euro pro ha Pacht zahlt und 150 Euro pro ha Gemeinkosten hat, dann bleiben 50 Euro pro ha Gewinn.
Davon muss er dann noch seine Sozialversicherungen bezahlen.
Da braucht es schon ein paar ha, wenn man im Vollerwerb über die Runden kommen will.
Oder man muss sich halt auf die Früchte konzentrieren, die die höchsten Deckungsbeiträge liefern. Und in Regionen mit hoher Veredelungsdichte, muss man mögl. viel Gülle gegen Bezahlung aufnehmen. Das bringt zusätzliche Einnahmen und reduziert die Düngerkosten. Dann bleiben mit Glück auch bei 800 Euro Pacht noch 50 Euro pro ha übrig. Wenn du dann aber ein Jahr den Mais aussetzt und dafür Hafer anbaust, dann ziehst du deine 5-Jahres-Fruchtfolge deutlich in den Verlustbereich.
henmen

Re: Glyphosat-Diskussion

#432

Beitrag von henmen »

Hallo Centauri,

ich denke ohne Subventionen wären auf einen Schlag vermutlich mehr als die Hälfte aller landwirtschaftlichen Betriebe in Europa sofort pleite, wahrscheinlich mehr und ebenso viele Landmaschinenhersteller, Lohnunternehmer, regionale Genossenschaften ... und die Gewinner wären die die es immer sind. Aktuell stehen allerdings trotz Subventionen, viele Betriebe ebenfalls vor der Pleite, weil sie zu spezialisiert, zu blauäugig, zu groß und oder durch falsche Investitionen zu verschuldet sind. Das jahrzehntelange Einlullen der Konzerne funktioniert nicht mehr, weil leider oder endlich normale Marktgesetze greifen, denen sich die Bauern jahrzehntelang dank Subventionen und einer starken Lobby entziehen konnten. Heute zieht sich die Lobby zurück und immer mehr Nahrungsmittelhersteller und Handelsketten kaufen ihre Roh- und Fertigprodukte auf dem Weltmarkt ein, statt beim Bauern oder seiner Genossenschaft um die Ecke, mit den entsprechenden Konsequenzen wie Preisverfall, Überproduktion ...

Dazu kommt das die Anzahl der bäuerlichen Betriebe so schnell schrumpft wie ein Eis in der Sonne und sich damit immer mehr Politiker fragen, ob diese kleine schnell sinkende Gruppe von Landwirten überhaupt noch relevant für ihre Wiederwahl ist oder ob es nicht sehr viel geschickter wäre sich in die lange Reihe der Landwirtschaftskritiker einzureihen, statt auf ein totes Pferd zu setzen, dass dennoch lautstark seine Sonderstellung verteidigt.
Manfred

Re: Glyphosat-Diskussion

#433

Beitrag von Manfred »

Da sind wir auf einer Linie. Die Bauern, oder besser die Landwirte, interessieren kaum noch einen Politiker.
Die Union macht seit Jahren konsequent Politik für die Agrarboden-Eigentümer, sprich für steigende Boden- und Pachtpreise, und für die Zulieferindustrie. Außerdem arbeiten fast alle Parteien für die "Naturschutz"-Lobby. Für die Bewirtschafter der Flächen bleibt zwischen diesen Interessengruppen immer weniger übrig. Da muss jeder Betriebsleiter seine eigene Strategie finden. Für viele heißt die weiteres Wachstum, um die geringeren Margen durch mehr Menge aufzufangen. Aber in diesem Teufelskreis ist keine Ende absehbar. Wer da raus will, muss etwas komplett anders machen.
henmen

Re: Glyphosat-Diskussion

#434

Beitrag von henmen »

Hallo Manfred,

meine Fruchtwechselaufstellung ist gute 200 Jahre alt und bezieht sich auf die "damals übliche Wirtschaftsweise" mit symbiotischer Pferde-, Kuh-, Ochsen-, Schweine-, Schaf-, Hühner-, Enten- und Gänsehaltung, einer großen Anzahl verschiedenster Garten- und Ackerfrüchte, eigener Milchverarbeitung, Teichwirtschaft, Energieholzgewinnung, der eigenen Weiterverarbeitung und Nutzung (ich hoffe ich habe nichts vergessen). Und diese Aufstellung ist der Fruchtwechsel "nur" eines Ackers in Vorbereitung einer kurzen Weidephase von 3 Jahren. Andere Äcker, Böden, Lagen, andere hofeigene Bedürfnisse und oder klimatische Voraussetzungen haben ganz andere Fruchtfolgen notwendig gemacht. Allerdings war immer das Ziel die Bodenfruchtbarkeit zu erhöhen und schädliche Einflüsse, die in den letzten 70 Jahren mit Chemie bekämpft wurden, erst gar nicht entstehen zu lassen.
Manfred

Re: Glyphosat-Diskussion

#435

Beitrag von Manfred »

Das ist schon klar. Die spannende Frage ist aber, wie kriegt man das unter den heutigen Bedingungen unter einen Hut.
Mit geht es um funktionierende, d.h. auch wirtschaftliche Lösungen für die Bauern.
"Früher war alles besser" und "die Bauern machen heute alles falsch" bringt uns nicht weiter.
Aber da renne ich bei dir denke ich offene Türen ein. Bist ja selbst einer von denen, die nach Alternativen suchen.
Die Flächenerträge damals lagen bei ca. 1/3 von heute und mit einem Schwein konnte man einen Handwerker sehr lange bezahlen... Heute ist ein schlachtreifes Schwein in D halt gerade mal 2-3 Handwerker-Stunden wert, oder so viel wie das Brennholz, das bei den Skizzen oben unten in den Stall geworfen wird.
Und Sägespäne kosten nicht viel weniger als Getreide.
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Reisende
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Re: Glyphosat-Diskussion

#436

Beitrag von Reisende »

bauernland in bauernhand

wenn ich manfred lese, bekomme ich den eindruck, dass neben den erzeugerpreisen die pacht ein haupthindernis darstellt.
gibt es eigentlich belastbare zahlen zu der frage, wie groß die anteile von bewirtschaftetem eigenland bzw pachtland sind, und wie sich das auf die solvenz und wirtschaftsweisen der betriebe auswirkt?
da ich laktose und gluten hervorragend vertrage, leiste ich mir als ausgleich dafür einige intoleranzen im zwischenmenschlichen bereich.
Matz

Re: Glyphosat-Diskussion

#437

Beitrag von Matz »

Hier steht zumindest was über den Anteil an Pachtland (durchschnittlich 60 %).


Das andere kommt natürlich auf die jeweiligen Pachtpreise und Erträge/Böden an.
Hier im mittleren Saarland beträgt die Pacht lediglich etwa 100 €/ha pro Jahr, ob Wiese oder Acker. Da komme ich gar nicht mehr auf die Idee, zu verpachten, wenn ich die Flächen selbst pflegen kann.
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emil17
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Re: Glyphosat-Diskussion

#438

Beitrag von emil17 »

Manfred hat geschrieben: ... konsequent Politik für die Agrarboden-Eigentümer, sprich für steigende Boden- und Pachtpreise, und für die Zulieferindustrie. Außerdem arbeiten fast alle Parteien für die "Naturschutz"-Lobby.
Nun, da befinden sie sich in bester Gesellschaft mit allen selbständig Erwerbenden, die auf fremdem Boden oder in fremder Liegenschaft wirtschaften müssen. Der Verpächter oder Vermieter wird soviel abgreifen, wie der Markt hergibt, d.h. wie der Pächter leisten kann, ohne pleite zu gehen. Das unternehmerische Risiko trägt in Gegenden mit Immobiliennachfrage aber allein der Pächter. Pächter von Gastwirtschaften oder Ladengeschäften sind in der genau gleichen Situation.

Die Naturschutzflächen sind genauso ertragslos wie die Nutzflächen mit Deckungsbeiträgen nahe Null, wie du uns oben vorgerechnet hast. Aber sie sind arten- und strukturreicher, unterliegen nicht der Bodenerosion und belasten das Grundwasser nicht.
Einen Vergrösserung der landwirtschaftlichen Nutzfläche auf Kosten von Naturschutzgebieten würde das Problem nach dem gleichen Prinzip lösen wie Rodungsbewilligungen den Holzmangel: nämlich gar nicht. Die Strukturprobleme der Landwirtschaft liegen nicht in Flächenmangel begründet, sonst hätte man keine Überproduktion bei gleichzeitigem Nahrungsmittelimport.
Meine Lösung für diese Art Probleme wäre folgende:
- kein Import und kein Verkauf von Waren, die im Ausland nach Standards erzeugt worden sind, welche im Inland verboten wären
- Höhere Besteuerung von leistungslosem Einkommen aus Pacht, Miete, Dividende, Kapitalgewinnen usw. gegenüber Einkommen aus Lohn oder Selbständigkeit.
- Subventionen nach Betriebsgrösse beschränken, d.h. je grösser der Betrieb, desto weniger.
- Indirekte Leistungen der Landwirtschaft (Flurpflege, Artenvielfalt, Tourismus usw.) sind über die erbrachte Leistung, nicht über Erntebeiträge abzurechnen.
- Vereinfachte Verfahren und Vorschriften für Kleinerzeuger bei Hofverkauf und Direktvermarktung
Wer will, findet einen Weg. Wer nicht will, findet eine Ausrede.
Benutzer 4754 gelöscht

Re: Glyphosat-Diskussion

#439

Beitrag von Benutzer 4754 gelöscht »

Ein ha Acker kostet hier ca. 300€/a

henmen, den Fruchtfolge führt vermutlich so schnell in den Ruin das du sie nicht einmal ganz durch bekommst.
Heute, so habe ich den Eindruck, sitzt der moderne Bauer in seinem vollklimatisiertem Fernsehsessel in der Treckerkanzel, drückt auf die Fernbedienung
Ich glaube das ist gepaart mit dem "Giftspritzer und Umweltverseucher" das typische Bild eines Heutigen Landwirts von Stadtmenschen. Wenn man die dann fragt kommt das raus was du sagt: bitte wie früher, klein und ohne Hightech.
Das "Bauer sein" besteht nur zur maximal der Hälfte aus Schlepper fahren. Der Rest der Zeit geht fürs Büro und die Tiere/Maschinen drauf.
Und die Technik hilft dem Landwirt dabei seine Arbeit zu optimieren, die Umwelt zu schonen ohne deib gafahr zu laufen mit 40 ein Kaputtes Kreuz zu haben und fast taub zu sein.
Der Schlüssel einer Landwirtschaft mit guten Erträgen und gesunden Pflanzen und Tieren war und ist schon immer eine intelligente Fruchtfolge gewesen, ein nahezu ausgestorbene Kunst, wie es scheint.
Das ist falsch.
ohne durchdachte Fruchtfolge kann kein Landwirt arbeiten.Mit der EU-Regulation wird die Fruchtfolge zudem immer wichtiger.
Allerdings war immer das Ziel die Bodenfruchtbarkeit zu erhöhen und schädliche Einflüsse, [...], erst gar nicht entstehen zu lassen.
Das ist heute immer noch der Ansatzt einer Fruchtfolge.
Aber so toll sie auch sein mag, hinter her entscheiden immer die Zahlen welche FF gefahren wird.
Denn Rechnen muss es sich!
henmen

Re: Glyphosat-Diskussion

#440

Beitrag von henmen »

Hallo Oelkanne,

für wen soll es sich rechnen? Ein Nachbar in unserer Bauernschaft ist Ferkelerzeuger und hat im letzten Jahr für 1,5 Millionen einen großen Schweinestall für seine Sauen fertig gestellt - ich glaube er schläft schon seit Monaten nicht mehr - jedenfalls sieht er so aus. Ein weiterer Nachbar ist Vollzeit Milchbauer und hat, wie ihm geraten wurde, viel Geld in die Hand genommen und die Zahl seiner Tiere zum Ende der Milchquote massiv angehoben ...auch der sieht nicht gut aus. Keine 500 Meter von uns entfernt, baut ein Großer auf geschätzt 20 Hektar am Stück seit mehr als 10 Jahren kontinuierlich Mais für seine Biogasanlage ohne Zwischenfrucht an. Dem sind in dieser Zeit mindestens 15 Zentimeter Oberboden einfach weggeflogen, so das sein Acker inzwischen eher als Sandkasten statt als Acker durchgeht. ...

Und nein - ich bin kein Landleben geschädigter Stinkefingerzeiger mit Hang zum motzen. Ich habe mehr als 2 Jahrzehnte mit nahezu allen großen Landmaschinenherstellern, Biogasanlagenbauern, vielen Betreibern, großen und kleinen Agrakonzernen, der Lebensmittelindustrie, Logistikunternehmen und dem Handel zusammengearbeitet, sie beraten und gemeinsam mit ihnen an Zukunftsstrategien, Logistikfragen, Marketingideen und Umsetzungsmöglichkeiten gefeilt. In dieser Zeit hatte ich auch Kontakt zu den beinharten Cowboys amerikanischer Konzerne, denen Vieles wichtig ist, aber keinesfalls das Wohl der Bauern, die eigentlich ihr Gehalt bezahlen oder die Steigerung der Produktionsmengen, um die Welt vor dem Hungertod zu retten. Bei diesen Jungs geht es ausschließlich um das schnelle und leicht verdiente Geld zur Verbesserung der Quartalszahlen.

Vor einigen Jahren habe ich erkannt, dass die Entwicklung der Landwirtschaft, in vielen Bereichen aus dem Ruder läuft und arbeite seitdem nur noch für mich bzw. Unternehmen von denen ich genau weiß, dass Ihnen wirklich an einer echten Zukunftssicherung gelegen ist.
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