Komme gerade vom Vortrag in Himmelkron zurück:
Mit Wild-Bunch-Chris durfte ich wieder ein nettes Forenmitglied persönlich kennen lernen. Leider hatten wir nur wenig Zeit zu reden, weil meine Fahrgemeinschaft zum Aufbruch drängte.
Der Vortrag war recht interessant.
Neben dem Referenten Florian Wenger aus der Schweiz war auch Frank Hahnel aus Brandenburg angereist, Berufsschäfer und stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Herdenschutzhunde.
Florian Wengers Hunde arbeiten freilaufend in den schweizerischen Bergen. Er berichtete ausführlich über seine Erfahrungen mit Pyrenäen-Berghunden zum Schutz seiner Rinder. Der oben verlinkte Bericht fasst es recht gut zusammen.
Er überriss außerdem, wie breit das Einsatzspektrum der Schutzhunde ist. Nicht nur Schafe, Ziegen, Rinder, Schweine, sondern auch Geflügel, Gehegewild etc. lässt sich mit den Hunden schützen. In Australien habe man sogar Herdenschutzhunde erfolgreich in eine von der Ausrottung durch Fressfeinde bedrohte, wildlebende Pinguinkolonie integriert. Der Pinguinbestand sei seither wieder im Aufwind.
Bei der Rassewahl solle man mögl. auf Rassen setzen, die schon lange Zeit in dichter besiedeltem Gebiet eingesetzt werden. Herkünfte aus dem Kaukasus, der Türkei etc. seinen für unsere Verhältnisse oft nicht geeignet, da diese Hunde auf einen sehr großräumigen Einsatz und extrem hartes Vorgehen gegen Eindringlinge selektiert seien. Kangals z.B. sollen nicht nur die Herde schützen, sondern das Raubwild, vor allem Wölfe, auch gezielt verfolgen und töten.
Aber selbst seine Pyrenäen-Hunde sind nicht zimperlich. Sie haben bereits mehrere Dachse und Füchse getötet.
Die Vereinigung der schweizerischen Herdenschutzhundehalter ist, wie die deutsche, recht engagiert, um die rechtlichen Voraussetzungen für den Einsatz der Hunde zu schaffen und zu verbessern. Die Hunde unterliegen in der Schweiz einer Eignungsprüfung und rund um ihr Einsatzgebiet müssen Hinweistafeln für Wanderer und Freizeitsportler errichtet werden. Es gibt auch einen Aufklärungsbroschüre, die Besucher in mehreren Sprachen über den richtigen Umgang mit den Hunden informiert.
Trotzdem sei er schon zwei mal angezeigt worden, weil seine Hunde sich mit Hunden von Wanderern gebissen haben. Rechtlich sei die Situation in der Schweiz aber inzwischen so, dass der Herdenschutzhundehalter strafrechtlich nicht haftet, wenn die Voraussetzungen (geprüfter Hund, Beschilderung des Einsatzgebietes) erfüllt sind. Es liegt in der Verantwortung der Besucher, ob sie dieses Gebiet betreten wollen und wie sie und ihre Hunde sich dort verhalten.
Frank setzt seine Hunde in mobilen Schafkoppeln (Euronetze) ein. Wenn er die Schafe tagsüber hütet, werden die Schutzhunde herausgenommen, damit es keine Konflikte mit den Hütehunden gibt.
Die Erfahrungen mit den Pyrenäen-Berghunden in Koppelhaltung seinen in der AG Herdenschutzhunde recht gut. Die meisten Hunde würden die elektrifizierten Schafnetze als Grenze respektieren. Es komme aber immer wieder mal vor, dass einzelne Hunde ausselektiert werden müssten, wenn sie den Respekt vor dem Zaun verlieren.
Auch mit regem Publikumsverkehr, z.B. direkt an einem viel begangenen Schulweg, habe er gute Erfahrungen gemacht.
Es wurde immer wieder betont, dass die Sozialisierung der Hunde sehr wichtiger Bestandteil der Erziehung sei. Florians Hunde haben draußen relativ wenig Menschenkontakt. Der nimmt sie deshalb schon als Welpen viel mit in den Ort und beschäftigt sich intensiv mit ihnen, damit sie reichlich Erfahrung mit menschlichem Verhalten sammeln können. Diesen Erfahrungsschatz benötigen sie, wenn sie freilaufend in den Bergen selbständig Entscheidungen treffen müssen, wie sie mit den Menschen umgehen, denen sie dort begegnen.
Bei Frank laufe die Sozialisierung eher nebenher. Seine Kinder würden sehr viel mit den Welpen spielen und im täglichen Einsatz auf der Weide lernen sie von ihren Eltern den Umgang mit dem Besucherverkehr.
Darauf meinte Florian, seine Kinder seien inzwischen erwachsen. Kleine Kinder wären für die Sozialisierung der Hunde sehr hilfreich. Jetzt müsse er selbst entsprechend viel Zeit aufwenden, und sich mit den Hunden abgeben.
Florian führte als Vergleich an, dass es in der Schweiz praktisch keine Unfälle mit Fleischrinderbullen gäbe, aber relativ viele mit Milchvieh-Deckbullen. Er führe das darauf zurück, dass die Fleischrinder auf der Weide aufwachsen, von ihrer Mutter und der ganzen Herde sozialisiert werden und einen großen Erfahrungsschatz an Begegnungen mit verschiedenen Lebewesen und mit überraschenden Situationen sammeln würden.
Der Milchviehbulle dagegen kenne nur seinen Menschen und seine Box im Stall. Jede Veränderung oder Überraschung löse daher viel größeren Stress aus als beim erfahrenen Fleischrinderbullen und entsprechend groß sei die Unfallgefahr.
So gelte auch für Hunde: Je mehr Erfahrung sie in unterschiedlichsten Situationen haben, desto besser seien ihre Entscheidungen wenn es kritisch wird.
Die Unterhaltskosten pro Hund (ohne die nötige Arbeitszeit) bezifferte Frank auf ca. 1000 Euro pro Jahr, bei Einsatz von preiswertem Trockenfutter.
Realistische Anschaffungspreise lägen im Bereich von 900 Euro für einen tauglichen Welpen bis 3000 Euro für einen ausgebildeten Hund.
Interessant war der Aspekt, dass seine Betriebshaftpflichtversicherung seiner Schäferei die Schutzhunde kostenlos mitversichert und für die ersten 3 Schutzhunde des Betriebes sogar einen Beitragsrabatt gewährt, weil die Erfahrung zeigt, dass es bei Betrieben mit Schutzhunden viel weniger Flurschäden aufgrund "unerklärlicher" Herdenausbrüche (sprich irgendwelche Dödel legen nachts den Zaun um, freilaufende Hund hetzten die Herde etc...) gäbe.
Die Empfehlung beider Profis war, sich frühzeitig wenigstens einen Herdenschutzhund anzuschaffen, damit die Herde sich an dem Umgang mit dem Hund gewöhnen kann. Bis der Hund richtig als Herdenmitglied eingegliedert sei, könne es mehrere Monate dauern. Mutterkühe seien dabei besonders problematisch. Bei Schafen ist es wohl um einiges leichter. Wenn mal ein Hund in der Herde etabliert ist, könne man bei Bedarf (Wolfsrudel vor der Tür) ohne viel Probleme und sehr schnell weitere Hunde integrieren.
Meine Frage, ob es zur schnelleren Integration hilfreich sein könnte, neben dem Hund gleich einige Tiere die den Hund bereits kennen mit in die neue Herde zu bringen, damit die anderen Rinder / Schafe sich von diesen den Umgang mit dem Hund abschauen, wurde mit "vermutlich ja" beantwortet. Im Rinderbereich gäbe es dazu aber noch keine Erfahrungen.
Mein Fazit: Für meinen Betrieb wären Schutzhunde nur sehr bedingt geeignet. Ein freilaufender Einsatz wie in den schweizerischen Bergen scheint mir hier nicht machbar zu sein. Das gäbe sehr schnell massive Konflikte mit Spaziergängern und ihren Hunden, Jägern, dem Autoverkehr etc.
Und für eine Koppelhaltung der Hunde sind die Rinderzäune nicht geeignet. Da müsste man erst mal für viel Geld die Flächen komplett neu einzäunen, z.B. mit einem Drahtkontengeflecht zusätzlich zum Elektrozaun.
Falls man Hunde findet, die auch eine Einzäunung mit einer dichteren Folge von elektrifizierten Drähten (z.B. 15 cm Drahtabstand, bis gut 1 m Höhe) respektieren, ohne diesen Zaun zu untergraben oder zu überspringen, wäre das natürlich deutlich billiger, weil die vorhandenen Zaunanlagen nur aufgerüstet werden müssten.
Dann bleiben aber immer noch die hohen Kosten für den Hund / die Hunde sowie die zusätzliche Arbeitszeit, was im extensiven Nebenerwerbsbetrieb besonders weh tut. Man müsste sich ja gezielt mit den Hunden beschäftigen und kann das nicht teilweise „nebenher“ erledigen, wie jemand der eh mehrere Stunden pro Tag mit und an der Herde arbeitet.
