Spottdrossel hat geschrieben:Emil, meines Wissens lebst Du in einem eher übersichtlichen Land mit vorbildlichem ÖPNV (zumindest erzählt man das hier).
Das ist korrekt, aber um es zu merken muss man mal im Ausland mit dem ÖV reisen. In Deutschland nicht von Frankfurt nach Berlin, sondern von Klein-Wernigerode nach Pfullendorf. Ich reise selten im grenznahen Deutschland von Basel aus, und BaWü soll verglichen mit anderen Gegenden von Deutschland auch noch gut erschlossen sein. Man gewöhnt sich sehr rasch daran. Mal ne Viertelstunde Verspätung und man nervt sich, statt zu denken, immer noch ne halbe Stunde rascher als vor 4 Jahren.
Ich nutze das Angebot der SBB sehr stark, und kann im Zug arbeiten und mich weiterbilden (= in Ruhe ein Buch lesen, so wie es im Zug halt ruhig ist).
Fakt ist aber, dass sich die Pendlervorstädte und Schlafdörfer in einem Radius von etwa 1 Stunde pro Weg um die Städte ausbreiten. Wo diese nahe zusammen sind, wächst alles zusammen. Klar ist auch, wenn du nur mit dem Auto zur Arbeit kannst, kannst du gegen steigende Spritpreise nicht viel machen (ausser auf ein Elektroauto ausweichen).
Übergeordnet sehe ich mit den immerzu wachsenden Personenkilometern für den Arbeitsweg und den Urlaub sowie mit der dauernden Erreichbarkeit durch Smartphones die Tendenz der Menschen, gleichzeitig überall und daher nirgends wirklich sein zu wollen.
Spottdrossel hat geschrieben: ... würde die Politik WIRKLICH was für den Umweltschutz tun wollen, könnte sie (...) Da man davon nie etwas hört, liegt der Verdacht nahe, daß der Umweltschutz nur ein Feigenblatt fürs abkassieren ist.
Hier schüttest Du meiner Meinung nach das Kind mit dem Bade aus: einerseits müssen die Behörden mit Zuckerbrot (=Förderung) und Peitsche (Strafsteuern, hohe Gebühren) versuchen, umweltfreundlichere Dinge gegenüber billigeren Sauereien durchzusetzen. Hätten sie das nicht getan, und hätten wir das gleiche Verkehrsaufkommen wie heute mit der Technik der 50er Jahre, dann wären Mitteleuopäische Ballungsgebiete unbewohnbar. Kann man sich in Grosstädten der Dritten Welt mit regelmässig Smog und Verkehrsinfarkt anschauen.
Spottdrossel hat geschrieben:
Es hilft nix, Betrug ist Betrug, und wenn die Hersteller echte Euros haben wollen und nicht nur ein Papier, wo ich eine Zahl draufgemahlt habe, dann sollen sie bitte auch das verarbeiten, was auf der Schachtel draufsteht.
Das ist Deine berechtigte Sicht der Dinge. Der Lieferant hat eine andere: "Wie schlecht bzw. billig kann ich die Ware noch machen, ohne beim Preis mehr nachlassen zu müssen als bei den Gestehungskosten?" Der Verbraucher will möglichst viel Qualität
und Quantität fürs Geld, der Hersteller will möglichst viel Geld für seine Ware. Da auf ehrliche Selbstdeklaration im Grauzonenbereich durch den Hersteller selbst zu hoffen, ist den Wolf als Schafhirten bestellen.
Kurzfristig krankmachende Lebensmittel kann in der EU keiner verkaufen. Das ist schon mal viel. Wenn man hoch verarbeitete Lebensmittel (Gummibärchen, Fertigpizza und dergleichen) kauft, muss man entweder dem Hersteller vertrauen, was ich aufgrund meiner obigen Ausführungen nur Leuten mit einem robusten Magen empfehle, oder eben darauf verzichten.
Spottdrossel hat geschrieben:Ein Handwerker kann auch nicht fröhlich das Baumaterial gegen was billigeres austauschen.
Kann er nicht, wenn ein Bauführer da ist, der ihn ziemlich sicher erwischt und dann heisst es gnadenlos raus damit und nochmal aber so, wie es im Wekvertrag steht. Gibt es den Bauführer nicht, wird auch beschissen - vor allem wenn der Bauherr nicht vom Fach ist und da wo man es nachher nicht sieht (Leitungen verlegen, Keller abdichten, Dampbremsen dicht montieren, usw.).
Es gibt Handwerker, die aus eigenem Antrieb gute Arbeit machen. Es gibt auch fleischverarbeitende Betriebe, die nur Hochqualitätsware und korrekt deklarierte Produkte anbieten. Aber die Regel sind sie leider nicht.
Schummel und Beschiss kann man nur mit Kontrollen und Sanktionen verhindern. Das gilt auch für Behörden, deshalb müssen die auch kontrolliert werden.
Kontrollen sollten aber vor allem das betreffen, was für andere Menschen relevant ist, also lieber mehr Lebensmittel- und Verkehrskontrolle, und weniger, ob der Hühnerstall 20 cm zu breit ist.
Der Hauptgott unserer Zivilisation ist immer noch Rendite und Wirtschaftswachstum, und Behörden die Umweltschutzauflagen durchsetzen bremsen das aus. Deswegen gibt es in Bern und Brüssel und Berlin und Paris und überall eine starke Lobby der Wirtschaftsverbände, die im Hintergrund wirkungsvoll verhindert und "mehr Freiheit, weniger Staat" dort umsetzt, wo es den Staat am dringendsten braucht: beim Schutz der Schwachen vor den Starken.