Solang der Baum jung ist, schneidest du, um ein starkes Gerüst aufzubauen, an dem dann die dünneren Fruchtäste und an denen das dünne Fruchtholz an gut sonnenbeschienen und gut zu beerntenden Stellen ausgebildet werden kann. Ziel sind kräftige Leitäste; die Anordnung richtet sich nach der Schnitttechnik.
Das ist die Erziehung.
(Für Spindelbäumchen gilt was anderes, das werde ich nicht ansprechen)
Wird der Baum älter, schneidest du, um den Baum zu verjüngen und Licht in die unteren Bereiche der Krone zu lassen.
Das hält den Baum gesund und produktiv.
Nach dem Schnitt wächst ein Trieb.
1. Im ersten Jahr reifen die Knospen und der Zweig treibt erneut einen Trieb (oder mehrere).
2. Im zweiten Jahr trägt er gute Äpfel., am Vorjahrestrieb reifen die Knospen und treibt wieder.
3. Im dritten Jahr gibt's auch noch gute Äpfel, der zweijährige Trieb fruchtet jetzt ebenfalls, etc der Austrieb wird schwächer, und zwar umso mehr, je flacher der Zweig steht und umso niedriger er in der Krone positioniert ist.
Danach (4-jähriges Holz) wird die Qualität schlechter, der Zweig wird immer länger und der junge Zuwachs, an dem die guten Äpfel der nächsten Jahre wachsen, immer kürzer.
Der Ertragsbereich wandert immer weiter nach außen, immer weiter nach oben, die Menge an hochwertigen Äpfeln geht zurück, die Zweige werfen Schatten. Hängt der Zweig auch noch nach unten, so verjüngt er sich nur noch minimal. Es wird Zeit, zu handeln.
Altes Holz und solches im Schatten oder das nach unten hängt, wird entfernt. Äste im oberen Bereich, die Schatten werfen oder sogar bogig nach unten hängen, werden ebenfalls entfernt (die sog. Überbauungen).
Der Schnitt wirkt immer auf den ganzen Baum. Je mehr du schneidest und umso stärker das Holz ist, in das du schneidest, desto stärker treiben die verbliebenen Knospen. Örtlich wirkt der Schnitt besonders stark auf das Stück Holz, das du angeschnitten hast. Es treibt stärker und dickt stärker auf.
Es wächst junges Holz nach, das die gute Qualität tragen kann. Je mehr junges Holz wächst, desto wählerischer kannst du beim nächsten Schnitt sein, denn natürlich belässt du nur die Triebe, die günstig stehen. Was zu steil, sehr lang, nach innen oder über andere gut zu beerntende Kronenbereiche drüber wächst und Schatten wirft, das schneidest du weg.
Treibt der Baum hingegen wenig junges Holz, so musst du dich leider mit dem zufrieden geben, was ungünstig steht (Schatten, Wuchsrichtung, Höhe über dem Boden = Beerntbarkeit)...
Zuwachs? So circa eine Elle, also um die 30cm Jahreszuwachs an den Fruchtästen wäre schon gut. Schafft der Baum das trotz Düngung nicht, so musst du agressiver schneiden. An den Leitästen wird der Zuwachs viel größer sein.
An den Enden der Leitäste möchtest du aufrecht stehendes, kräftig nach oben wachsendes Holz. Das nimmt die Wuchskraft auf und sorgt dafür, das Leitast dicker und damit tragfähig wird. Ein richtig schöner Prügel. Damit das Holz kräftig wächst, schneidest du es jedes Jahr über einer nach außen stehenden Knospe an (d.h. du kürzt der Zuwachs jedes Mal um ein gutes Stück, z.B. um ein Drittel.)
Wird der Leitast zu lang, zu flach, wächst in die falsche Richtung oder verjüngt sich im unteren Bereich nicht mehr (siehe vorigen Absatz), dann schneidest du deutlich mehr weg, also auch den endständigen Zuwachs der Vorjahre. Und zwar höchstens in so starkes Holz, dass die Wunde noch verheilen kann. Das ist je nach Wuchskraft circa Handgelenkdurchmesser; aber nicht so, dass das Wasser drin stehen kann.
Nach der Ernte würde ich nur schneiden, wenn der Baum trotz Düngung deutlich zu schwach wächst oder es sich nicht irgendwie anders einrichten lässt. Über den Winter heilt nichts.
Empfehlenswert ist diese Seite über den Oeschbergschnitt, mein Favorit unter den Schnitttechniken:
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