Kann es sein, dass unser Wohlstandsmodell am Ende ist?

Was halt nirgendwo passt
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ohne_Furcht_und_Adel
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Re: Kann es sein, dass unser Wohlstandsmodell am Ende ist?

#421

Beitrag von ohne_Furcht_und_Adel »

Dyrsian hat geschrieben: Do 19. Jan 2023, 20:26Es geht uns heute in Deutschland sicherlich besser als vielen Menschen in vielen anderen Ländern. Trotzdem muss man konstatieren, dass der Trend abwärtsgeht. Und das kann man durchaus mal thematisieren. Das hat mit Werbung nichts zu tun.
Deswegen hatte ich ja den thread erstellt. Es kann sein, dass man mit der ein oder anderen Askese oder Selbstoptimierung vom allgemeinen Niedergang nicht so viel mitbekommt, aber man muss auch feststellen, dass viele Zeitgenossen dazu nicht in der Lage sind. Weil sie andere Probleme haben, die sie vom "eigentlich Wichtigen" im Leben ablenken. Oder weil ohne das "Unnötige" im Leben für sie einfach die Welt zusammenbricht. Das kann man belächeln oder beklagen, aber das ist glaube ich eine Tatsache, die diesen "eingebildeten Verlust" allgemein real macht.
Ferry hat geschrieben: Fr 20. Jan 2023, 08:16 Ihr seid wirklich davon überzeugt das sich ein Handwerker immer noch ein Haus kaufen kann wenn er auf Kostspieligkeiten (Urlaub, Auto, Freizeit) verzichtet? Bei Hauspreisen um die 150 000€ ? Hier zahlt man an einen Dachdecker 40€ die Stunde. Davon zahlt er Steuern, seinen Betrieb und finanziert sein Leben. Wie viele Jahre muss er sparen um dann ein Haus zu kaufen in das man, um darin leben zu können, ja auch noch Geld investieren muss.
Und das ist ein ausgebildeter, selbstständiger (also nix mit 40h/Woche) Handwerker!
Als Gärtner könnte ich für 11,60€/h arbeiten gehen.
Die Werte kommen mir untertrieben vor. Hier im Raum Düsseldorf sind die Zahlen jedenfalls andere. Handwerker nehmen gerne mal 60 euro pro Stunde.
Aber wenn ich 14 euro oder mehr als einfacher Gärtner verdiene, kann ich mir das 350000 euro Haus trotzdem nicht leisten.
Auch mit günstigen Krediten (die ja aber leider oft später angepasst werden) sieht es seit ca. 15 Jahren in der Regel so aus, dass ein junger Immobilienerwerber bis zur Rente oder bis kurz davor verschuldet bleibt. Danach gehört ihm das Haus, wenn alles gut geht. Kommt eine Scheidung dazwischen, Arbeitslosigkeit, höhere Zinsen oder übernimmt er sich mit zusätzlichen Finanzierungen (alles nichts seltenes), dann gute Nacht. Dabei erwägen die meisten ausgebildeten Arbeitnehmer dieses riskante Unterfangen noch nicht einmal ernsthaft. Und sich selber einfach irgendwie billig ein Haus zu bauen geht hierzulande nicht mehr wirklich.
Mein Großvater hat sich noch unter Mithilfe seines Schwagers eine bessere Gartenlaube auf ca. 800m2 Grundstück zum Eigenheim ausgebaut, das heißt in der Wohnfläche verdrei- oder vervierfacht und sogar komplett unterkellert. Als alleinverdienender Paketbote mit vier Kindern. Als es dann vor sieben Jahren für die Kinder ans Erben ging, konnte sich nur einer theoretisch irgendwie leisten, die anderen auszubezahlen und das Haus der Eltern zu behalten; bei den Preisen.
Es gibt ramponierte Schnäppchenimmobilien, aber die muss man in gewissen Gebieten mit der Lupe suchen, und wer hat heutzutage noch das Geschick und das Rückgrat, sich so ein Haus selber fertigzumachen?
sybille
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Re: Kann es sein, dass unser Wohlstandsmodell am Ende ist?

#422

Beitrag von sybille »

sybille hat geschrieben: Fr 20. Jan 2023, 16:00
Die schlichte Tatsache, dass man jeden Tag in die Mühle muss, das war früher nicht besser. Heute ist das moderne Menschenbild aber so, dass man erst dann erfolgreich ist, wenn einem scheinbar mühelos alles einfach zufliegt, alles nur Spass ohne Ende ist und wem es nicht gelingt so zu leben der ist eben ein Looser.
Den Eindruck habe ich auch seit Jahren. So ist es aber nicht.
So ist die Realität aber nicht sollte das heißen.
Hühner sind Menschen wie Du und ich, nur das sie zur Hausordnung Hackordnung sagen.
sybille
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Re: Kann es sein, dass unser Wohlstandsmodell am Ende ist?

#423

Beitrag von sybille »

Die Werte kommen mir untertrieben vor.
Selbst hier in der Eifel sind die Preise höher. Habe gestern eine Elektrikerrechnung bezahlt. 65 € netteo die Meisterstunde.
man muss auch feststellen, dass viele Zeitgenossen dazu nicht in der Lage sind. Weil sie andere Probleme haben, die sie vom "eigentlich Wichtigen" im Leben ablenken. Oder weil ohne das "Unnötige" im Leben für sie einfach die Welt zusammenbricht. Das kann man belächeln oder beklagen, aber das ist glaube ich eine Tatsache, die diesen "eingebildeten Verlust" allgemein real macht.
Das ist schon richtig und ich denke diese Menschen hatten es noch nie nötig sich mit den wirklich wichtigen Dingen des Lebens zu beschäftigen. Auch ein Luxus der letzten 50 Jahre.
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Ferry
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Re: Kann es sein, dass unser Wohlstandsmodell am Ende ist?

#424

Beitrag von Ferry »

Tja, die Zahlen sind die die hier Realität sind. Den Dachdecker haben Freunde von uns im September so bezahlt und den Gärtnerjob gibt es wirklich zu dem Lohn. Bzw. wird ja der Mindestlohn wohl auf 12€ angehoben. Dafür zahlt man dann eben mehr fürs Mittagessen oder den Pausenraum. Da fällt dem Chef schon was ein.
penelope
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Re: Kann es sein, dass unser Wohlstandsmodell am Ende ist?

#425

Beitrag von penelope »

https://www.zeit.de/wirtschaft/2023-01/ ... uwanderung

Ich bin gerade über diesen Artikel hier gestoßen, der ganz gut hier ins Thema passt (aktuell ist der noch frei lesbar - also beeilen, falls einen das interessiert)

Die KfW sieht ebenfalls die Gefahr eines schrumpfenden Wohlstands in Deutschland, allerdings aus anderen Gründen. Aufgeführt wird der immer stärker werdende Fachkräftemangel. Als Lösungsvorschlag wird eine Abschaffung des Ehegattensplittings angedacht. Den Ansatz finde ich interessant - ist eine andere Richtung, als wir hier bisher diskutiert haben.
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Tscharlie
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Re: Kann es sein, dass unser Wohlstandsmodell am Ende ist?

#426

Beitrag von Tscharlie »

Was das Ehegattensplitting damit zu tun hat, verstehe ich nicht.
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penelope
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Re: Kann es sein, dass unser Wohlstandsmodell am Ende ist?

#427

Beitrag von penelope »

Artikel gelesen?
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Tscharlie
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Re: Kann es sein, dass unser Wohlstandsmodell am Ende ist?

#428

Beitrag von Tscharlie »

Natürlich.

Aber das Steuersystem ist doch nicht der Grund warum Frauen nicht so viel arbeiten wollen.

Wir haben im Bekanntenkreis eigentlich viele Familien bei denen die Frau nicht oder weniger arbeitet, weil sie sich um die Kinder kümmern will.

Wir haben auch Bekannte bei denen die Männer weniger arbeiten, damit die Frauen mehr arbeiten können.

Wenn nun mehr Frauen arbeiten wollten, dann brauchts deutlich mehr Betreuer für die Kinder, woher nehmen?

Das Ehegattensplitting ist das Feigenblatt weil man die echten Probleme nicht sehen will.
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Sonne
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Re: Kann es sein, dass unser Wohlstandsmodell am Ende ist?

#429

Beitrag von Sonne »

Mir wird es schlecht, wenn ich den Artikel lese. Selbst wenn ich ihn nur überfliege.

Mehr Menschen aus dem Ausland zu holen ist nichts anderes, als arme Länder ihrer besten Kräfte zu berauben. Ich kenne die Problematik in den armen Ländern. Ich arbeite mit Menschen aus den Philippinen, Kroatien, Serbien ua zusammen. Die erzählen mir gerne von ihren Problemen in ihren Ländern und ich höre gerne zu. Aber Menschen von sonstwoher abzuziehen ist im Grunde keine Lösung.

Die Lösung kann man sich weder aus dem Ärmel noch sonst woher schütteln. Aber in großen Mengen Fachkräfte aus dem Ausland zu holen ist nichts anderes als eine weitere Ausbeutung eben dieser Länder.

Die arbeiten dann hier, haben Heimweh und schicken das Geld vom Lohn nach Hause, damit die Familie dort überlebt. Wir haben Frauen hier auf der Arbeit, die haben kleine Kinder zuhause wo sie her sind, die sie dann monatelang (dank Corona auch gerne mal jahrelang) nicht sehen. (Werden dort von Oma groß gezogen.) Tolles Leben.

Und wenn du Kinder hast...also ich wollte sie auch lieber selbst groß ziehen. Und - wenn man leidenschaftlich gerne in einem gut bezahlten Traumberuf arbeiten kann und der Partner auch und man auch gut organisiert und fit ist...da geht das vielleicht auch ganz gut.

Also ich arbeite in einem Altenheim - die meisten Frauen sind schon körperlich kaputt bevor sie überhaupt ihr erstes Kind bekommen. Und ehrlich gesagt glaube ich, dass ehr die wenigsten Menschen in einem Wunschberuf arbeiten. Wenn der Mann jetzt nicht gerade einen gechillten Job hat und ausgeruht von der Arbeit heim kommt und sie gerade mal so eben finanziell so durch's Leben kommen - ich frage mich, was dann daran gut sein soll den Frauen 3-und 4fach-Belastung aufzudrücken. Und nebenbei vielleicht noch Oma und/oder Opa mitversorgen. Kommt hier natürlich auch auf den Partner an.

Aber warum der Frau nicht statt dessen ein staatliches Gehalt zahlen, dass sie ihre Kinder ohne Streß aufziehen kann. Betonung auf: Ohne Stress.
Und wieder arbeiten geht, wenn die Kinder einigermaßen gut selbstständig sind. So ab 10 Jahre vielleicht. Nicht schon arbeiten müssen, wenn sie gerade aus den Windeln sind oder gar noch früher.

Zumindest müssten beide Modelle gleich gut gefördert werden. Das, wenn die Mutter aus welchem Grund auch immer bald wieder arbeiten gehen will und das, wenn die Mutter es vorzieht erstmal Familienfrau zu sein.

Was wir beobachtet haben, über die Jahre ist, dass der Trend zur 'höheren Bildung' ungebrochen hoch ist. Jeder will studieren und 'was besseres werden'. Niemand mag als Bäcker (und hier könnten noch viele andere Berufe stehen) arbeiten, weil die Bezahlung lausig ist. Weil der Beruf in der Gesellschaft nicht wertgeschätzt wird. Weil Handwerk nicht attraktiv ist. Da sollte man vielleicht mal ansetzen.
Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut. 1. Mose 1, 31
sybille
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Re: Kann es sein, dass unser Wohlstandsmodell am Ende ist?

#430

Beitrag von sybille »

Was wir beobachtet haben, über die Jahre ist, dass der Trend zur 'höheren Bildung' ungebrochen hoch ist. Jeder will studieren und 'was besseres werden'. Niemand mag als Bäcker (und hier könnten noch viele andere Berufe stehen) arbeiten, weil die Bezahlung lausig ist. Weil der Beruf in der Gesellschaft nicht wertgeschätzt wird. Weil Handwerk nicht attraktiv ist. Da sollte man vielleicht mal ansetzen.
So sieht es aus!
Ist man "etwas Besseres" wenn man studiert hat? Oder ist man auch wer wenn man ein Dach decken, eine Kloschüssel montieren kann ... ? Das Dach und die Kloschüssel brauchen wir alle.
Hühner sind Menschen wie Du und ich, nur das sie zur Hausordnung Hackordnung sagen.
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