penelope hat geschrieben: Do 14. Okt 2021, 09:12
Das wissen wir aus Systemwissenschaften? Ich lese Niklas Luhmann usw. da sehr anders.
Wo hast du das denn her?
Was genau verstehst du bei Luhmann denn anders?
Ich habe Luhmann nicht selbst gelesen. Wenn ich ihn im Groben richtig verstehe, versucht er Parsons auf abgegrenzte Einheiten (klassisch der relativ isolierte Indianerstamm im Urwald) auf größere, komplexere Gesellschaften auszuweiten.
Parson betont sehr stark den Faktor Selbsterhalt im Kulturellen System (Latency).
Luhmann beschreibt dann im Prinzip eine Gesellschaft, die aus einer Vielzahl solcher kleineren Systeme, oft mit Spezialisierung auf Fachbereiche, besteht und versucht zu erklären, wie diese welchselwirken und sich gegenseitig regulieren.
Dieses Spiel betreiben wir ja hier gerade in der Praxis.
Wir haben gekapselte Organisationen innerhalb der Gesellschaft, die sehr stark auf Selbsterhalt bzw. Selbstzweckt bedacht sind, wie die Naturschutzorganisationen oder die Bauernverbände.
Das Verursacht für die Gesamtgesellschaft ein Problem, weil diese zu ihrem Selbsterhalt die Reform dieser Organisationen benötigt.
Ein Werkzeug dafür ist die Wissenschaft. Diese deckt die Fehler im Handeln der Organisationen auf. Die Organisationen wollen diese Fehler aber nicht wahrhaben, weil das der Aufrechterhaltung ihres Stauts Quo, ihrem Selbsterhalt, entgegen steht.
Also muss die Gesamtgesellschaft den nötigen Druck zu einer Reform aufbauen. Das kann sie aber erst, wenn sich das von der Wissenschaft generierte neue Wissen in einem ausreichend großen Teil der Bevölkerung verbreitet hat.
Die zu reformierende Organisation stemmt sich dem entgegen, indem sie die ihrem Selbsterhalt dienenden, veralteten Informationen mit großer Energie in die Öffentlichkeit trägt und so die neuen Informationen zu übertünchen versucht. Letztlich muss sie dafür aber immer mehr ihrer Ressourcen aufwenden, was sie immer weiter von ihrem ehemaligen Gründungszweck weg führt und sie immer reformbedürftiger macht.
Diese Vorgänge dauern sehr lange. Geschichtlich waren es meist Jahrzehnte bis Jahrhunderte, bis die Lage dann irgendwann kippt, weil die neuen Informationen die kritische Masse an Verbreitung gefunden haben. Ist diese kritische Masse erreicht, geht das Kippen schnell. Die gekapselte Organisation wird reformiert oder durch eine neue ersetzt, und dann geht das Spiel wieder von vorne los.
Ich beziehe mich aus Savory, der wiederum auf entsprechende Literatur verweist (die Quellen habe ich nicht im Kopf, da müsste ich länger suchen) und zudem mehrere konkrete Beispiele aufführt, z.B. wie lange es gedauert hat, den Einsatz vitaminhaltiger Nahrungsmittel zur Skorbutvorbeugung in der britischen Handelsmarine durchzusetzen.
Aber wenn man sich das Prinzip mal erschlossen hat, sieht man es überall.
Ein unschönes Beispiel war die jüngste Bundestagswahl. Die etablierten Parteien sind nicht mehr in der Lage, fähige, zugkräftige Kandidaten für das Kanzleramt zu produzieren und die nötigen großen Reformen umzusetzen.
Also entsteht gesellschaftlicher Druck. Es etablieren sich neue Parteien. Wenn es den alten Parteien nicht gelingt, sich zu reformieren, werden sie entweder irgendwann durch neue, funktionierende ersetzt oder die Politik kippt wieder in eine andere Organisationsform, z.B. ein totalitäres Führersystem, welches dann auch irgendwann wieder kippt, so lange bis eine stabilere Lösung gefunden wird.
Würde es gelingen, die Organisationen von Anfang an diszipliniert zu halten, könnte sich neues Wissen schneller durchsetzen, die Reibungsverluste wären viel geringer und die Gesellschaft würde sich schneller weiterentwickeln.