Von der Sicht auf die Dinge. . .
Die Vöglein auf dem Felde
Ich habe gerade eine Zahl gelesen, die mich nachdenklich macht: Von den Jungvögeln, die ein Singvogelpaar im Jahr großziehen, werden letztendlich zwischen 10 und 20 % das Erwachsenenalter erreichen.
Von den Pflanzen kenne ich ähnliche Zahlen: Die Menge der Eicheln zum Besipiel ist nicht gedacht zur Weitervermehrung großer Menge, sondern ein Geschenk an Eichelhäher und Eichhörnchen, welche die Samen der Bäume als Winterfutterreservoir in weiteren Entfernungen vergraben. Das meiste der Eicheln wandert in Mägen.
Ist ja wie beim Getreide auch: Nur ein Teil wird wieder ausgesät, der Rest wandert als Backwaren etc. in unsere Mägen.
Auch, dass Insekten wie Mückenlarven etc. und Krebstierchen wie z. B. der Krill, das Walfischfutter, in großen Mengen in anderen Tiermägen verschwindet ist mir bewusst.
Vielleicht ist es, dass mir die kleinen Sänger so nahestehen, was mich nachdenklich macht. Da habe ich eine Empathie, die ich für eine Mückenlarve sicher nicht hege.
Schon als Kind habe ich mich jedem aus dem Neste gefallenem Vögelchen angenommen, auch wenn meine Rettungsversuche zumeist umsonst waren.
Wie unglaublich verschwenderisch die Natur doch ist, auch mit dem Leben von Wesen. Ist das Grausamkeit? Gibt es soetwas wie "die Natur" überhaupt, oder "verwesentliche" ich hier etwas, das so gar nicht existent ist. "Die Natur", "Gott", Versuche mit etwas Unnennbaren zurecht zu kommen. Und ich sitze hier am Schreibtisch, schaue aus dem Atelierfenster hinaus in den Garten, schaue den Vögeln zu, den Amseln, den Meisen, sehe das freundliche Grün, und mich überkommt eine Geborgenheitswelle.
Trotzdem ich weiß, was sich dort abspielt. Ich Mensch bin ein seltsames Wesen. . .
(Mai 2012)
. . . nicht Wald, was wir davon denken, sondern brutaler Natur-Kampf um Licht und Nährstoffe.
Allgemeinplätze. Zum Beispiel dieser: So wie wir in die Welt schauen, so schaut sie auf uns zurück. Ebenso wahr wie banal. Als Pawlow eine Sicht auf den Hund haben wollte, entzog er sich so lange aller selischer Regung in Bezug auf den Hund, bis er ein mechanisch funktionierendes biologisches Gebilde vor sich hatte. Er verwandte viel Zeit darauf, den Hund so zu sehen. Als Darwin die Evolution in der Natur erspürte, fand er in der Ntur eine viktorianische Weltgestaltung vor. Dass er dabei wesntlich differenzierter dachte, als die späteren Apologeten des "Kampf ums Dasein", sei am Rande bemerkt. Darwin war sicher nicht "sozialdarwinistisch"".
Indianerseele
Als mein Sohn etwa zweieinhalb Jahre alt war, er konnte sich da schon ganz gut verbal verständigen (und sich mit Hühnern unterhalten, aber das ist eine andere Geschichte), kamen wir auf dem morgendlichen Gang in die Krabbelgruppe auf dem Weg durch einen Park an einem gefällten Baum vorbei, einer ehmals mächtigen Weide. Diese fiel übrigens nicht einem Pilzbefall oder einem anderen Übel zum Opfer, welches eine Fällung aus Gefährdungsgründen notwenig machte, sondern dem Renomee eines Landschaftsarchitekten, welcher merkte, dass dieser Baum seine "Sichtachsen" bei der Neugestaltung der Anlage störe.
Mein Sohn also sah diesen gefällten Riesen am Boden, und sein Antlitz wurde unendlich traurig, und er fragte mich: "Warum?". Ich konnte ihm nur antworten, dass ich keine Antwort wüsste, und traurig gingen wir weiter.
(Zu den Hühnergesprächen: Wir waren mit der Krabbelgruppe auf einem Pferdehof, wo sich auch ein umzäuntes Hühnergehege befand. Als ich meinen Sohn vermisste und suchte, fand ich ihn sitzend vor dem Zaun des Geheges, die Hühner auf der anderen Seite. Ich schaute zu: Es war sichtlich etwas im Gange, und eine wundersame Atmosphäre über allem. Die Hühner waren meinem Sohn sichtlich zugewandt. "Ich spreche mit ihnen", war seine Antwort auf meine Frage, was er da tue. "Und, was sagen sie?". "Sie wollen da raus.")
Ich bin heute noch davon überzeugt, dass da ein echtes Gespräch stattgefunden hat, wie auch immer.
"Sie (die Seminolen, ein nordamerikanischer Indianerstamm) scheinen frei von Wünschen und Begehren zu sein. Kein grausamer Feind zum Fürchten; nichts, das ihnen Beunruhigung bereiten könnte, außer den allmählich zunehmenden Übergriffen der Weißen. Solcherart sich behauptend und ungestört, erscheinen sie munter und frei wie die Vögel in der Luft, und wie diese fröhlich und tatendurstig, harmonisch und lärmend. Der Anblick, die Bewegungen und das Verhalten der Seminolen stellen das meist beeindruckende Bild von Glücklichsein in diesem Leben dar; Vergnügen, Lebenssinn, Liebe und Freundschaft, ohne Tücke oder Erregungszustände, scheinen ihnen angeboren oder in ihrer lebendigen Geisteshaltung vorherrschend zu sein, denn sie verlassen sie erst mit dem letzten Atemzug."
William Bertram, 1739 - 1823, "Reisen durch Nord- und Süd-Carolina, Georgia, Ost- und West-Florida, das Cherokee Land etc.."
Was wäre gewesen wenn ich als "Indianerseele" dort geboren wäre und nicht hier und jetzt? Was hätte mein Sohn dort an Empfindungsreichtum, der ihm innewohnte behalten können? Müßig wohl zu fragen.
Schon bald durfte mein Sohn erkennen, dass die Welt anders ist, dass nicht alle Wesen ihm wohlgesonnen sind. Ich weiß noch, wie erstaunt und erschrocken er war, als das erste Mal ein Hund nach ihm schnappte, dem er so vertrauensvoll entgegen ging. Später dann musste er lernen, dass auch Menschen "schnappen" können. Er lernte, sich in diese Welt, so wie sie ist, einzupassen. Doch noch heute blitzt bei ihm manchmal eine Trauer auf, ähnlich der, die er wohl empfand, als er des gefällten Baumes ansichtig wurde.
Doch in seiner frühen Unbefangenheit im Umgang mit der Welt hatte er mich zu folgendem Gedicht inspiriert:
Dingefinderkinder sind die wilden Kleinen,
die mit großen Augen staunend durch die Welt spazieren.
Verzückt und ganz mit sich im Reinen
können sie sich in große Kleinigkeiten ganz verlieren.
Dann stehen sie, als wären sie auf einem anderen Planeten,
eine wundersame feengleiche Aura umgibt die Gegenwart.
Still verharrend, wie in ungesprochenen Gebeten,
staunen sie über einen bunten Kiesel auf dem Pfad.
Manchmal, wenn du den Dingefinderkindern nahe bist,
wirst du mit einbezogen in ihr zeitloses Gewahrsein.
Du tauchst in ihre Welt ein, die so anders ist,
nimmst Teil an ihrem seelenvollen Dasein.
Dann glänzt auch dir in jedem Kiesel eine ganze Welt,
ein ganzes Weltall gar, ein Orbit ohne Worte.
Es ist, als ob ein großer Engel dich in seinen Händen hält,
der dich vertraut mit einbezieht in unbekannte Orte.
Da springt in diese Anderswelt ein Kaninchen querfeldein.
Von einem Augenblick zum andern vergisst das Kind den Kieselstein,
und dann geht’s sturzbeglückt und lachend dem Kaninchen hinterdrein.
Wie aus einem Traume aufgewacht, stimmst du in dieses Lachen ein.
Gegenseitige Hilfe. . .
. . . in der Tier- und Menschenwelt. So hieß ein Buch, welches 1902 erschien, und das von Peter Kropotkin geschrieben wurde. Er ging mit einem anderen Blick in die Welt, und aus diesem anderen Blick heraus ergab sich, dass es eine Konstante in der Evolution geben könne, welche auf gegenseitiger Hilfe beruhe. So sammelte er Daten und beobachtungen, um diese These zu untermauern. Auch schwebte ihm eine andere Art des Zusammenlebens der Menschen vor, als ausgerechnet die der Unterdrückung. Sein Blick auf die Natur und sein Blick auf das menschliche Zusammenleben bedingten einander.
Peter Kropotkin, Gegenseitige Hilfe:
http://de.wikipedia.org/wiki/Gegenseiti ... nschenwelt
Ich weiß nicht, ob mein persönlicher Blick auf die Dinge ein "wahrer" Blick auf die Dinge ist. "Wahr" im Sinne von "objektiv". Ich zweifle "Objektivität" im Erforschen lebendiger Natur und in soziologischer Betrachtung per se an. Ich weiß auch nicht, ob meine Art der Betrachtung trotz oder wegen meiner eigenen Kindheitserfahrungen entstanden ist. Ich glaube schon, dass ich eine massive gesellschaftliche Prägung efahren habe. Mir persönlich ist der Blick auf die Evolution als ein Entstehen, welches zu einem großen Teil auf ggenseitiger Hilfe beruht, ein entschieden sympathischer.
Gerne schaue ich mir an, was sich am Himmel abspielt, was ich beobachten kann. Ob der Mond weit oben steht oder tief hängt, in welcher Phase er sich befindet, wo ich ihn finde, welche Farbe er hat, ob er einen Hof hat. Manchen Morgen sehe ich beide, Sonne und Mond am Himmel in trauter Eintracht, an einem Morgen wanderte ich zwischen den beiden einher, und in mir webte das Bewusstsein, selber auf einem wandelnden Stern zu leben, selber ein Teil dieses wandelnden Sternes zu sein, so groß die Welt! - so fühlte ich und mir wurde leicht ums Herz. Ein kleines einzelliges Wesen reichte, welches sich teilen konnte, immerdar teilen. War dieser eine Keim gegeben, egal was sonst war, so vermehrte er sich unaufhörlich, expotenziell, sich teilend, sich teilend, die Teile sich teilend, sich verändernd, sich einstellend, anpassend an Möglichkeiten, sich teilend, sich teilend, die Teile sich teilend, sich verbindend, sich zusammenfügend mit anderen, sich teilend, sich anpassend, sich verändernd, sich umgestalten, Metamorphose, welche die Umwelt mitriss, die Mitwelt zur eigenen Welt gestaltete, die eigene Welt, die wieder formte, formte und teilte, immer neue Gestalten gebar, ergrünte, jagte, Männlein und Weiblein gebar, sich teilte und teilte. . .
Letztendlich kommt der Baum, unter welchem ich wandle aus der gleichen Zelle wie ich selber, aus der gleichen Zelle wie der Eichelhäher, der die Samen verteilt und den Wald hütet, wie das Pilzgeflecht, das hektarweit unterirdisch die Wurzeln verbindet. . .
Das alles erfuhr ich in einer Unmittelbarkeit jenseits des Intellekts, derweil ich meiner Wege ging, die Kugelgestalt der Erde, der Mutter Erde erspürend, während über mir die Sonne und der zunehmende Viertelmond standen. Das sind die Wanderungen, auf denen ich der Innenseite der Welt ganz nah bin, und ganz nah bei den Ahnen, deren Blut in mir webt, deren Wissen in mir lebt, unteilbar mit-geteilt.
Das ist entschieden meine Sicht der Dinge. Ich schreibe das hier, um mich etwas verständlicher zu machen. Aus diesem Weltgefühl und dieser Sicht speist sich mein Handeln in der Sozietät, zum Beispiel hier im Stadtteil. Es kommt wohl nicht von Ungefähr, dass ich in einem Nachbarschaftshaus arbeite und in enem Geminschaftsgarten. Da sind einige Entscheidungen vorausgegangen, indem ich mir immer bewusster wurde, was ich wollte, und was ich nicht wollte. Doch vorher musste ich für mich viele( Irr)Wege gehen, bis ich zu diesem Lebensmodell fand. Es ist ein Lebensmodell, welches ich für mich fand, welches sich aus meinen Anlagen und Neigungen speist. Mithin nicht objektivierbar. Das ist auch gut so. Ich persönlich bin der Meinung, einjede, einjeder darf die eigene Sicht auf die Dinge haben. Und für sich selbst entscheiden, in welchen Spiegel er oder sie in die Welt blickt.