hias90 hat geschrieben:Wie sieht für euch denn die Alternative aus? Biolandwirtschaft? Dann empfehle ich euch nochmal dringend das Bevölkerungswachstum mit den Erträgen der Biolandwirtschaft gegenüberzustellen?
Wenn man möchte, dass weiterhin nur 3% der produktiven Bevölkerung die Nahrung für die restlichen 97% bereitstellen, einschliesslich der 30% zum Wegwerfen, und wenn man möchte, dass diese Nahrungsmittel nur 10 - 15% vom Einkommen beanspruchen sollen, dann wird man das ohne Landwirtschaft in dieser Form (Agrochemikalien, Dünger und fossile Treibstoffe in grosser Menge) schwerlich leisten können.
hias90 hat geschrieben:Und an alle die meinen, dass die Gutachten und wissenschaftlichen Publikationen über Glyphosat nur von Monsanto und Co. finanziert wurden. Das ist einfach nur lächerlich und übelste Lügenpropaganda. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem agrarwissenschaftlichen Lehrstuhl fühle ich mich bei sowas schon selber angegriffen.
Es wäre wünschenswert, dass - ähnlich wie das auch für die Pharmazie gefordert wird - nur Studien publizierbar sind, die vor Aufnahme der Versuche angemeldet wurden. Dann würden auch Studien publiziert, welche die Unnötigkeit solcher Mittel aufzeigen. Das tut logischerweise kein Konzern, der mit seinen Produkten Geld verdient.
hias90 hat geschrieben:Ich bitte im Gegenzug doch mal um eine wissenschaftliche Veröffentlichung, welche noch nicht vom Journal zurückgewiesen wurde, und nicht von einer NGO finanziert wurde, und trotzdem große Gefahren für den Menschen in Zusammenhang mit Glyphosat aufdeckt.
Als ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem ökologischen Lehrstuhl gehöre ich zu der Minderheit, die selber einen Garten hat. Die meisten modernen Botaniker verstehen wenig von Pflanzen, aber viel von Statistik. Nur funktioniert die Natur leider nicht nach dem Prinzip Behandlung vs. Kontrolle, Rest ist egal, da nicht Thema.
Als Beispiel für die von Dir geforderte Literatur sollte eine Beschreibung der Kollateralschäden des grossflächigen Einsatzes all dieser Mittel ausreichen: Rachel Carson, der stumme Frühling. Erschienen bereits 1962.
Es ist, und das ist eines der grossen Probleme der publikationsorientierten Wissenschaft, nämlich nicht ausreichend, 400 Töpfe oder 25 Gewächshäuser als Probevolumen nach randomisiertem LatinSquare Prinzip herzunehmen und nach einer Vegetationsperiode die Ergebnisse statistisch abgesichert zu präsentieren, um die "Unschädlichkeit" von Bioziden zu "beweisen", die dann jährlich auf Zehntausenden von Quadratkilometern ausgebracht werden.
Dann gilt die alte Erkenntnis, dass nicht unparteiisch sein kann, wer selber finanzielle Interessen am Ausgang einer Sache hat. Deshalb sind Studien eines Agrokonzerns, der chemische Pflanzenschutzmittel verkauft, über die Unschädlichkeit dieser Mittel ähnlich zu bewerten wie die Publikationen eines Elektrokonzerns über die Harmlosigkeit von Atomkraftwerken. Das ist nicht Bösartigkeit der Industrie, das liegt einfach in der Natur der Sache und deshalb sind alle, ich wiederhole: ALLE Publikationen mit finanzieller oder anderweitiger Beteiligung der Agrokonzerne Parteigutachten. Den NGOs, die natürlich auch nicht ergebnisneutral sind, möchte ich immerhin zugute halten, dass sie kein Geld mit den untersuchten Produkten verdienen.
Man sollte einfach die Beweislast umkehren: Bevor jemand Agrochemikalien in der Menge von einigen hundert oder tausend Tonnen pro Jahr (ich kenne die genauen Zahlen nicht, sie sind dafür auch unwesentlich) grossflächig in die Umwelt verteilen darf, soll er die Unschädlichkeit dieser Substanz beweisen.
Persönlich bin ich der Meinung, dass Glyphosat ein sehr wirksames Mittel ist, und ich habe es auch schon verwendet, um gezielt einzelne besonders hartnäckige Wurzelstöcke abzutöten, die in Trockenmauern standen und diese zu zerstören drohten. Dafür reichten wenige Milliliter des Produkts, das jeder flaschenweise ohne Begründung im "Fachhandel" erwerben kann. Aber das bedeutet nicht, dass ich den praktizierten grossflächigen Einsatz dieses Mittels in der Landwirtschaft und im Strassenunterhalt (in Mitteleuropa ausserhalb der Gebirge geschätzte 90% der Flächen, die weder Wald noch Siedlungsgebiet noch Gewässer sind) akzeptabel finde.