Hallo Hannah,
die Ohrmarken wurden eingeführt, um von Behördenseite den Lebenslauf jeden einzelnen Tieres lückenlos von der Geburt bis zum Tod und darüber hinaus bis in die Ladentheke oder die Entsorgung verfolgen zu können.
Die Kälber müssen innerhalb der ersten 7 Lebenstage mit Ohrmarken gekennzeichnet und bei der zentralen Datenbank angemeldet werden.
Im besten Fall erwischt man, wie von Tanja beschrieben, die Kälber gleich nach der Geburt. Anscheinend sind sie für den Geburtsvorgang irgendwie (hormonell?) auf schmerzfrei gestellt und reagieren so gut wie gar nicht auf das Einziehen der Ohrmarken.
Schon einige Stunden nach der Geburt zeigen sie deutliche Schmerz- bzw. Schreckreaktionen. Sie versuchen sich zu wehren und zu flüchten und einige schreien laut um Hilfe.
In den Mutterkuhherden, die weniger menschenbezug und stärkere Schutzinstinke haben, kommt es deshalb immer wieder zu Angriffen der Mütter auf denjenigen, der die Ohrmarken einzieht.
Bei mir geht das relativ gut. Ich habe nur wenige Kühe, kenne das Verhalten der einzelnen Tiere und aggressive Tiere werden konsequent aussortiert und geschlachtet. Aber bei mir ist das auch mehr Hobby als ernsthafter Nebenerwerb.
Auf größeren Betrieben haben die Mütterkühe weniger Menschenbezug und sind entsprechend ängstlicher, wenn ein Mensch an ihr Kalb geht.
Erst neulich wurde im Landtreff wieder von einem Fall berichtet: Dort waren zwei Mitarbeiter eines Großbetriebes mit dem Traktor unterwegs, um die neugeborenen Kälber des Tages zu markieren. Der Traktor dient dabei nicht nur der Fortbewegung, sondern auch als Fluchtpunkt. Sie hatten gerade ein Kalb markiert, saßen schon wieder auf der Maschine, als die Mutter richtig sauer wurde. Die Kuh hat den Traktor anggegriffen und eine Tür der Kabine aus den Angeln gerissen. Dabei ist einer der Männer vom Traktor gefallen. Den hat die Kuh dann richtig in die Mangel genommen. Der zweite Mann konnte die Kuh aber verjagen.
Das Opfer lag im Krankenhaus, kann inzwischen aber an Krüken gehen. Dass ihm sein Chef die Steaks der geschlachteten Kuh vorbei gebracht hat, war sicher nur ein kleiner Trost.
Meines Erachtens würde es in Mutterkuhherden völlig ausreichen, die Tiere einige Wochen nach dem Abkalben der Herde zu markieren.
Dann kann man sie gefahrlos durch eine Fanganlage treiben (die Kälber sind dann schon so groß, dass sie nicht mehr niedergetrampelt werden) und sie im Fangstand markieren. Das würde auch die viele Arbeitszeit zum Suchen und Markieren der einzelnen Kälbchen sparen.
Aber den Bürokraten in Brüssel ist das völlig egal. Die bestehen auf ihren Regeln, egal wie viele Verletzte und Tote es kostet. Bei den Menschen und bei den Rindern.
Einige Bauern gehen so weit, dass sie die Kälber mit Blasrohr betäuben und einen fahrbaren Käfig über sie stellen, um sie dort sicher markieren zu können. Die Kosten und Arbeitszeit dafür sind halt mit dem geringen Erlös aus der Mutterkuhhaltung nicht zu bezahlen und das Risiko für die Kälbchen durch die Narkose ist auch nicht ohne.
Ich würde folgende Regelung vorschlagen:
- Die Kälber müssen innerhalb des ersten Lebensjahres oder spätestnes vor Verlassen des Betriebes markiert werden.
- Für Tiere, die direkt vom Geburtsbetrieb zum Schlachter gehen, recht eine Markierung mit einer Betriebsohrmarke aus, wie bei den Schafen. Die teure Einzeltierkennzeichnung kann entfallen.
- Tiere, die in andere Haltungsbetriebe weiterverkauft werden, sind einzeln zu kennzeichnen, um sie zurückverfolgen zu können.
- Zuchttiere (und bei Bedarf alle anderen Tiere auch) kann jeder Betrieb nach seinen Wünschen mit individuellen Ohrmarken oder Mikrochips markieren, falls das für die betrieblichen Abläufe gewünscht oder nötig ist. Dafür braucht es keine gesetzliche Regelung.
Als die Ohrmarken eingeführt wurden, wurde den Verbrauchern versprochen, sie könnten dann an der Theke mittels der Nummer des Tieres herausfinden, wo das Tier her kam.
Leider war das ein Täuschugnsmanöver, um die Zustimmung der Verbraucher zu erschleichen.
Gesetz wurde genau das Gegenteil.
Ich vermarkte meine Tiere zum Teil über die regionale Initiative Weidewelt Frankenwald.
http://www.weidewelt-frankenwald.de/
Die Metzger, die bei dieser Initiative mitmachen, haben aber ein massives Problem:
Sie dürfen (!!!) im Laden nicht damit werben, dass sie Weidefleisch verkaufen und auch nicht, von welchen Betrieben die Tiere stammen.
Nur wenn der Verbraucher von sich aus explizit nachfragt, darf ihm der Metzger entsprechende Auskunft geben.
Nichts wäre uns Bauern, unseren Metzgern und unseren Verbrauchern lieber, als wenn wir ein Schild in die Theke hängen könnten: "Diese Woche stammt unser Fleisch vom Bauern Eidelloth aus Neukenroth. Teilnehmer bei Weidewelt Frankewald." Dürfen wir nicht.
Auf wessen Mist dieser Scheiß gewachsen ist, konnte ich leider noch nicht ermitteln. Der Verband der Metzger kämpft seit Jahren dafür, dass sie mit der Herkunft ihres Fleisches werben dürfen. Auch die Eigenschaften "Weidefleisch" oder "aus dem Frankenwald" dürfen die Metzger nicht im Laden bewerben. Dafür wäre einen Zertifizierung durch eine staatliche zugelassene Zertifizierungsstelle nötig, die überwacht, dass diese Werbeaussagen auch eingehalten werden. Dazu wären jährliche Prüfungen beim Metzger und jedem beteiligten Bauern nötig. Die Kosten würden sich auf ca. 1500 Euro für den Metzger und 100 Euro pro Bauer und Jahr belaufen. Dabei könnten die Landwirtschaftsämter einfach bestätigen, dass die beteiligten Bauern Weidehaltung haben. Dürfen sie aber nicht und es würde auch nicht ausreichen, die Vorschriften zu erfüllen.
Es ist wirklich zum Haareraufen. Da will man was gutes erreichen und regionale Produkte aus besonders tierfreundlicher und verbraucherfreundlicher (Landschaftspflege, Anblick der Tier etc.) anbieten, und die Werbung dafür wird einem praktisch vom Gesetzgeber untersagt.
Aber wir arbeiten dran, uns aus dem Zertifizierungswahn raus zu wühlen. Das macht kleine und regionale Initiativen einfach platt. Gut gemeint (Verbraucherschutz blabla), aber mal wieder schrecklich in der Wirkung. Je weiter die Entscheider von der Praxis weg sind, desto dümmer werden die Gesetze.
