Manfred hat geschrieben:Wenn da ein massiver Einbruch kommt, z.B. durch einen neuen Getreidepilz, dann werden sehr viele Menschen verhungern. In einer hochdiversifizierten Landwirtschaft dagegen ginge durch so einen Erreger nur ein kleiner Teil der Nahrungsgrundlage verloren.
Ähnlich ist es mit einem Wald, der zu 95% aus Buchen besteht. Bei der Fichte sehen wir ja heute schon die Probleme mit dem Borkenkäfer. Ohne massive menschliche Eingriffe wäre der größte Teil der Fichtenwälder längst wieder verschwunden.
Lass so einen "Schädling" für die Buche entstehen, dann würden auch diese Wälder fallen.
Ein menschengemachter und -bewirtschafteter Mischwald mit vielen Arten und Altersklassen ist ungleich stabiler gegen solche Angriffe.
Die Art Mensch kann also beides: Wälder durch Monokultur anfälliger machen aber auch Wälder durch Vielfalt stabiler machen.
Hier war wohl der Wunsch Vater des Gedankens ...
Mitteleuropa ist ein denkbar schlechter Ort, um Gedankenspiele an der Wirklichkeit zu messen, weil weder das Klima lange genug stabil war und eben der Mensch schon recht früh reingepfuscht hat.
Immerhin bestätigen die römischen Geschichtsschreiber, dass Germanien hauptsächlich von undurchdringlichen Urwäldern bedeckt sei. Gebiete
wie der Pfälzerwald waren bis ins Hochmittelalter so.
Im subatlantischen Gebiet hat man geschlossenen Wald als Klimax, Baumsavannen oder Lockerwald mit Grossherbivoren kommen erst mit abnehmendem Niederschlag. Vergleiche Nordamerika. Neuengland war dicht bewaldet bis die Siedler kamen, und zwar überall. An Grossherbivoren fehlte es dort nicht, aber die blieben im Inneren des Kontinents. In Europa tritt dieses Klima erst östlich etwa des 15. Längengrades grossflächig auf.
Getreide sollte man wegen Kranheitserregern nicht mit Klimaxbaumarten vergleichen, denn natürliche Getreidemonokulturen gibt es nicht, auch im Herkunftsklima des Getreides nicht. Buchenwälder als Monokulturen hingegen schon. Fichtenwälder auch. In Deutschland sind aber Fichten nur in Hochlagen in der Klimaxbaumgesellschaft vertreten und sonst anfällig (was ja inzwischen auch die Förster gemerkt haben).
Schädlingsplage hast du nur, wenn eine nicht Reinbestände bildende Pflanze in Monokultur gezogen wird oder wenn das Klima nicht passt. In Mitteleuropa gibt es grossflächige, langfristig stabile Monokulturen von artenarmen Laubwäldern in tiefen und mittleren Lagen, und von noch langweiligeren Nadelwäldern im Gebirge, sowie ebenfalls äusserst stabile und robuste Dauergrünlandgesellschaften.
Der Wildüberbestand geht wohl hauptsächlich zu Lasten der Landwirtschaft und der Hegejagd.
Kann man alles in Ellenberg, Vegetationskunde Mitteleuropas und den Alpen, nachlesen. Wenn du viel im Hochgebirge unterwegs bist, sieht man die Klimagradienten, weil sich die auf wenigen Kilometern Horizontaldistanz zeigen - in Mitteldeutschland ist mangels Relief halt auf grossen Strecken das selbe.
Ich hab nix gegen Forstwirtschaft, sie trägt zweifellos an vielen Orten zum Artenreichtum bei - wie die Landwirtschaft - aber ebensoviel zur Trivialisierung - ebenfalls wie die Landwirtschaft. Diese weitläufigen langweiligen anfälligen Fichten- und Kiefernforsten sind ja wohl nicht spontan entstanden.
Wenn man aber den Verzicht auf Nutzung nutzbarer FLächen nicht will, sollte man konsequenterweise zuerst gegen Golfplätze und andere Zeichen der Dekadenz sein. Wobei es wohl keinem Wald viel antut, wenn man gezielt und schonend einzelne Bäume rausnimmt.
Man kann in einem überalterten oder toten Baum entgangenen Gewinn sehen, aber die sind ebenfalls Teil des Ökosystems (in Gebirgsnadelwäldern findet natürliche Verjüngung vorwiegend auf liegendem Totholz statt) und es ist legitim, dass nicht alle genutzt werden. Weil nicht alle Arten im Wald Blätter haben - manche haben auch Federn - ist das Belassen von Alt- und Totholz auf einigen Prozent der Fläche in Wirtschaftwäldern wohl die billigste und wirksamste Massnahme, um den Artenreichtum zu heben. Das müssen nicht unbedingt diejenigen sein, die am wertvollsten in der Sägerei sind.
Nur: man kann, wie überall wo Geld regiert, alles etwas effizienter und etwas weniger sorgfältig machen. Deshalb finde ich die Idee prinzipiell nicht schlecht, einige Prozent der Waldfläche nicht zu nutzen. Das meiste sind sowieso Flächen, die zu steil oder zu mager sind, um wirtschaftlich genutzt werden zu können.