Teetrinkerin hat geschrieben: Do 16. Jul 2020, 08:19
Äääähhhhm, du hast da vielleicht einen ganz wesentlichen Teil unterschlagen. Unsere Produktion in den Schlachthöfen ist deswegen so kostengünstig, weil hier Menschen regelrecht ausgebeutet werden. Das hat nichts mit Effizenz zu tun, dass hier so kostengünstig produziert wird. Würden die Arbeiter dort anständig entlohnt werden, würde auch hier das Fleisch teurer werden.
Nicht dass ich mit dieser Situation glücklich wäre.
Laut diesem Bericht verdienen die Tönnies-Subunternehmer-Arbeiter ca. 1200 Euro netto für 200 Stunden Arbeit pro Monat:
https://www.rnd.de/wirtschaft/tonnies-a ... ETUSI.html
Also ca. 6 Euro netto die Stunde. Ca. das 1 1/2-fache dessen, was sie daheim verdienen würde und nach meiner Rechnung etwa 50 Cent unter dem was ein deutscher Alleinstehender mit Mindestlohn netto erhält?
Ich finde, wer in D arbeitet, sollte mindestens den deutschen Mindestlohn erhalten, und wer so eine schwere Akordarbeit macht deutlich mehr.
Aber das sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen, unter denen wir arbeiten müssen. Stünde der Schlachthof in Rumänien, würde sich niemand über 800 Euro netto beschweren, wenn er das Fleisch hier im Laden kauft.
Würde ich die Gesetze machen, wäre es nie zu einer solchen Konzentration der Fleischwirtschaft gekommen.
Aus Sicht der Versorgungssicherheit wie aus sozialer Sicht ingesamt ist das Irrsinn.
Aber genau die Politiker, die jetzt auf Tönnies hassen, haben diese Situation geschaffen durch ihre Gesetzgebung, an der sie ja offenbar, zumindest manche von Ihnen, recht gut verdient haben...
Und auch die Verbraucher, die diese Politiker wählen, wissen seit vielen Jahren von den Missständen der Subunternehmer-Wirtschaft. Trotzdem wird diese überall in D in diversen Wirtschaftsbereichen toleriert und die Politiker werden wieder gewählt.
Manfred hat geschrieben: Mi 15. Jul 2020, 11:19
Ich bin erstaunt und - ja - regelrecht entsetzt, wie man sich Missstände so schön reden kann und ich frage mich, wie die ganzen Debatten in der Öffentlichkeit so spurlos an dir vorbei gehen konnten.
Im Gegensatz zu dir sehe ich mehrere Aspekte dieses Problems.
Dann schau dir z.B. mal diese Doku an:
https://www.youtube.com/watch?v=M-li2YT ... e=emb_logo
Die stellt die Situation meines Erachtens gut dar, aus verschiedenen Perspektiven.
"For the third of the population living under the poverty line, the low prices are a godsend.
But for the local farmers, it only means more competition."
"Für das Drittel der Bevölkerung, das unter der Armutsschwelle lebt, sind die niedrigen Preise ein Gottesgeschenk.
Aber für die lokalen Bauern bedeutet es nur mehr Konkurrenz."
Diese zwei Sätze aus dem Film fassen es sehr gut zusammen.
Du machst es dir einfach und sagst: Keine Exporte mehr. Es ist dir also egal, dass sich dann dort 1/3 der Bevölkerung kein Fleisch und damit Eiweiß mehr leisten kann und wieder oder noch tiefer in die Mangelernährung rutscht?
Wie löst du dieses Dilemma?
Die einzige Chance, die ich sehe, ist wirtschaftliche Entwicklung.
Aber diese bedeutet auch, dass ein Bauer mit 100 oder einigen 100 Hühnern dort keine langfristige wirtschaftliche Perspektive hat. So wenig wie hier. Weder die internationale Konkurrenz noch der technische Fortschritt machen vor ihm halt, wenn unsere Schalchtindustrie keine Hühnerkarkassen (oder die im Film gezeigten Althühner aus der Legehennenhaltung) mehr liefert. Deshalb sehe ich, wie oben geschrieben, nur die Möglichkeit, diese Länder mögl. zu ermächtigen, den auf sie zurollenden Strukturbruch so gut es geht selbst zu steuern, sprich selbst zu entscheiden, was sie an Agrarimporten zulassen.
Ich bin der tiefen Überzeugung, dass ich nicht das Recht habe, dass über sie hinweg zu entscheiden. Die Grünen und diverse NGOs sehen das natürlich anders und wissen viel besser als die Betroffenen, was gut für diese ist. Oder meinen halt, es zu wissen.