viktualia hat geschrieben: gib mir bitte Input darüber, woher die ganzen Saponine, Schleim-, Bitter-, Gerbstoffe und Flavonoide kommen würden, wenn alle Wiesen soviel Stickstoff einlagern sollen, wie sie können?
Zwar lagern alte Ökosysteme bei uns mehr Stickstoff pro Fläche ein, aber das ist weniger Absicht der Pflanze als Effekt der Tatsache, dass ein gewisser Teil des Stickstoffes, der in der Streu und in toten Wurzeln enthalten ist, langfristig im organischen Bodenhumus gebunden wird.
Die Behauptung
Natürliche Biotope versuchen immer, so viel Nährstoffe und Wasser zu akkumulieren wie irgend möglich und diese für mögl. viele Zyklen festzuhalten.
stammt nicht von mir, sie trifft auch nur manchmal zu:
1. sind im Sinne der Definition des Begriffs auch Tümpel und Schilfgürtel Biotope, warum sollen die Wasser akkumulieren?
2. funktioniert die Nährstoffspeicherung über ein gewisses Mass hinaus nur in Böden, also nicht in den Pflanzen selbst. Das geht aber nur in gewissen Klimazonen - speichert die Pflanze Nährstoffe und Wasser, wird sie als Futter interessant. Sie muss sich dann verteidigen, was Aufwand bedeutet und weshalb Kakteeen stachlig und so ziemlich alle Zwiebelpflanzen giftig für fast alle Herbivoren sind.
Die Tatsache, dass unsere Böden fast unbegrenzt viele Nährstoffe speichern können, ist Grund dafür, dass sie so tolerant gegen Anbausünden sind. Schon der tropische Regenwald ist hierin viel empfindlicher.
Saponine, Bitterstoffe usw. sind Inhaltsstoffe, mit denen sich die Pflanze vor allem gegen artspezifische Herbivoren und Pilzkrankheiten wehrt.
Gerbstoffe sind das auch, aber sehr unspezifisch. Gerbstoffe setzen unter anderem die Verwertbarkeit von Proteinen herab (weshalb man damit auch Haut, also Kollagen, Eiweissfasern, konservieren, eben gerben kann), so dass Herbivoren sehr viel mehr gerbstoffreiches Futter mit gleichem Proteingehalt aufnehmen müssen, als gerbstoffarmes. Polymere Gerbstoffe sind dann Lignin, der Stoff, der Kernholz gegen Fäulnis schützt.
Zum Glück gelingt das nicht vollkommen, sonst wären unsere Waldbäume schon lange erstickt im nicht abbaubaren Totholz ihrer Vorfahren.
Das scheint zu Beginn paradox zu sein - so muss eine Raupe ja mehr Blätter fressen, bevor sie sich verpuppen kann, d.h. die Pflanze verliert mehr Blätter. Für die Pflanze ist es aber von Vorteil, weil sich die Entwicklung der Insekten so verlängert, sie also weniger Generationen pro Jahr bilden können und mit grösserer Wahrscheinlichkeit von Vögeln erwischt werden. Für Generalisten und krankmachende Pilze werden sie dadurch unattraktiver. Zudem kosten Gerbstoffe fast nichts, weil sie keinen Stickstoff enthalten und Pflanzen, die viele Gerbstoffe bilden, gewöhnlich durch Nährstoffmangel und nicht durch Photosynthese limitiert sind. Holz und Gerbstoffe sind also aus Sicht der Pflanze billig. Andersrum wachsen fast alle Pflanzen durch Düngung besser und deshalb werden sie durch Überdüngung auf Krankheiten anfälliger.
Flavonoide sind Schutz der Zelle gegen UV-Licht, das sonst die empfindlichen Zellorganellen schädigen würde.
Zu Frau Dohrn: Ich habe beim Suchen nach dem Buch in der Unibibliothek nur "Die Entstehung weiblicher Büroarbeit in England 1860 bis 1914" von einer Frau Susanne Dohrn gefunden, das ist es wohl nicht
Ich denke aber nicht, dass man alle, die das Buch nicht jüngst gelesen haben, von einer Diskussion über die Bedeutung von Natur und was das eigentlich sei, aussschliessen darf.
Man kann ja auch nicht jedem das Autofahren verbieten, der keinen Kfz-Meisterbrief in der Tasche hat.
Mir ist daran gelegen, dass die Definition von "Natur" und die Dikussion darüber, was natürlich ist und was nicht, nicht in einen Religionskrieg ausartet. Katholiken und Protestanten haben ja auch den gleichen Gott und die gleiche Bibel und haben sich wegen Definitionsfragen gegenseitig jahrhundertelang die Köpfe eingehauen, obwohl in ebendieser Bibel steht, dass man das nicht soll.
Ich krieg erst dann stachlige Ohren, wenn der Begriff "natürlich" verbogen wird, um Profitmaximierung und damit einhergehende Kollateralschäden zu rechtfertigen.