Landfrau hat geschrieben:
Vermehren diese Mixe sich nun aber weiter, kommt alles mögliche heraus, vllt auch ein "echt toller Hund, ein Mischling halt", aber hier geht die Wahrscheinlichkeit deutlich nach unten.
Man schaue sich die südeuropäischen Straßenhunde in x-ter Generation an - sie mendeln sich irgendwo auf einen dingoähnlichen Standard zurecht und sind aus hundehalterperspektive genauso untauglich als Nutz- oder Haustier. Es sei denn, man will australian Cattle Dogs zusammenkreuzen - aus 3 Rassen, mind. also eine F2 - Hybride - und erhält Teufel auf Stummelbeinen, gewolltermaßen hier.
Südeuropäische Straßenhunde passen sich nur einer Umgebung an, die ihnen feindlich gesinnt ist. Sie benötigen keine "Brauchbarkeit" im Sinn von Abrichtbarkeit und Führigkeit, sondern sie brauchen eine angeborene Vorsicht vor Menschen, eine frühe und hohe Reproduktion um die Todesfälle auszugleichen, die Fähigkeit von Dreck zu leben und eine halbwegs zur dortigen Landschaft passende Fellfarbe. Und genau das hat sich auch entwickelt.
Mischlinge in unseren Breiten waren und sind brauchbare Hof- und Jaghunde. Man hat sie nicht allzu schlecht behandelt, Tiere mit ungutem Charakter wurden aber sinnvollerweise entfernt.
Erst in neuerer Zeit hat man diesen Mischlingen Rassenamen gegeben: Österreichischer Pinscher, Schwarzwälder Bracke, Welsh Sheepdog, Mudi..
Die genetische Einschränkung zur Rasse, bei der Tiere mit "falscher" Fellfarbe oder Ohrform aus der Population entfernt werden (trotz sonst vielleicht bester Eigenschaften) hat vielen Hundetypen mehr geschadet als genutzt.
Ich bevorzuge Hybriden vor reinen Sorten/Rassen, bei Tieren und Pflanzen.
Mein junger Mehrfach-Mischlingshund, der bei mir geboren ist und nie schlecht behandelt wurde, hat nicht nur einen funktionelleren Körperbau als die beteiligten Ausgangsrassen, sondern auch einen extrem zuverlässigen Charakter ohne Extreme. Die extremen Hängeohren des Setters sind weg, der eigenständige Jagdtrieb der Bracke wurde vom Vorstehhund gedämpft, die über den Labrador leider eingeschleppte HD ist in der F2-Generation generell schwächer als in der F1. (Mama hat offenbar den fittesten verfügbaren Rüden für ihre Welpen ausgesucht.)
Der Rüde ist ein idealer Haus- und Hofhund für die Großstadt, ein gelassener Begleiter in einer Schule mit 1300 Kindern.
Bei den Pflanzen hat man ja Gott sei Dank mehr Auswahl als bei den Tieren. Keine Gärtner käme auf die Idee zu behaupten, nur reine Sorten seien gut und Hybriden seien nicht wünschenswert. Im Gegenteil!
Ich suche mir jedes Jahr die besten Hybridsorten aus. Es stört mich nicht, Saatgut und Pflanzen zu kaufen. Es stört mich auch nicht, Pflanzen aus Gewebekultur zu kaufen. Ich habe diese Techniken ja selber gelernt, nur fehlt mir daheim die Ausrüstung dafür.
Nicht mal eine gemäßigte Gentechnik stört mich. Wenn ich ein Gen einer wilden Kartoffelart in eine Kultursorte transferiere, habe ich damit nur einer möglichen natürlichen Hybridisierung vorgegriffen. Ok, ein Schneeglöckerlgen gehört nicht in die Kartoffel - dies könnte von Natur aus nicht passieren. Aber Solanum a mal Solanum b kann durchaus möglich sein und wenn es was bringt, warum nicht.
Draußen auf der Straße sehe ich in Wien eine Menge Hybrid-Linden, eine Menge Hybrid-Pappeln. Über Pappeln schrieb ich Diplomarbeit. Ich bin meilenweit gelaufen, um Bäume aufzutreiben, die höchstwahrscheinlich reine Silber- bzw. Zitterpappeln waren und keine Hybriden. Die F1-Graupappel beherrscht das Bild, offenbar hält sie mehr aus als ihre P-Generation.
Wikipedia informiert uns bezüglich der "Urmöhre":
http://de.wikipedia.org/wiki/Karotte
Die unterschiedlich gefärbten Karotten stammen von verschiedenen Ursprungssippen ab: die weißen stammen aus dem Mittelmeergebiet, die gelben aus Afghanistan, ebenso wie die rotvioletten Formen. Die Kulturform dürfte letztendlich durch Kreuzung aller drei Formen wahrscheinlich in deren Überschneidungsgebiet in Kleinasien entstanden sein
Mit den Karotten ist es also wie mit den Hunderassen: Letztendlich sind es Mischlinge.
Den "Urweizen der Pfahlbauzeit" müssen die Schüler heute auch nicht mehr lernen, weil es DEN Urweizen nicht gegeben hat.
http://en.wikipedia.org/wiki/Wheat_taxonomy
In der Natur gibt es keine "stabilen" und keine "erhaltenswerten" Arten, geschweige denn lokale Variationen dieser Arten. Es gibt keine perfekt durchgestylte Art, die nun "rein" erhalten werden muss.
Das Erbgut der Lebewesen ändert sich ständig durch verschiedene Mutationen, durch Hybridisierungen. Nur auf diese Weise kann die Anpassung an die sich ständig verändernde Umwelt erfolgen.