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Re: terra preta

Verfasst: Sa 21. Jan 2012, 11:34
von Stieglitz
Hallo hobbygaertnerin

Du schreibst:
Auf alle Fälle muss mit der Biomasseverschwendung endlich mal Schluss sein - und hier bitte können sich alle an der Nase fassen, ich bin Bäuerin und manchmal steigt mir der Blutdruck, wenn immer die Bauern an allem Schuld sind.
Wo, meinst Du, wird Biomasse verschwendet?

Ich finde es gut, wie es die meisten Bauern machen - ausser dass sie manchmal etwas zu viel Kunstdünger ausbringen.

Grüsse Stieglitz

Re: terra preta

Verfasst: Sa 21. Jan 2012, 12:12
von Sabi(e)ne
Moin, ich mache mal nen neuen Thread zu dem Thema Bauern auf, ja?

Re: terra preta

Verfasst: Sa 21. Jan 2012, 12:54
von Stieglitz
Hallo Sabi(e)ne

Habe ich etwas falsches gefragt?

Biomasse braucht es, wenn wir unsere Böden verbessern wollen.
Biomasse braucht es um „terra preta“ oder wie auch immer man diese neue Erde nennen möchte, herstellen zu können.
Biomasse wurde und wird auch immer mehr kommerziell weiter verarbeitet und genutzt zur Verbesserung unserer Böden.

Dass in den letzten Jahren immer mehr Kunstdünger verwendet wurde, ist kein Geheimnis. Ich habe meinen Pflanzgarten am Rande des Dorfes und sehe, wie da pallettenweise weisses Granulat auf die Äcker verteilt wird. Es ist bei uns noch nicht so schlimm wie z.T. in Mecklenburg, wo der Boden noch einen Humusanteil von 0.5 % haben soll. Ich habe diese Zahl nicht selber gemessen, aber der Trend ist bekannt.

Es ist auch bekannt, dass Kunstdünger, der ja bekanntlich keine humifizierende Wirkung hat, logischerweise auch nicht dazu beiträgt, dass es unseren Böden wieder besser geht.

Dies möchte ich zum Thread „terra preta“ noch anfügen.

Mlg Stieglitz

Re: terra preta

Verfasst: Sa 21. Jan 2012, 14:15
von DieterB
Stieglitz hat geschrieben:
Auf alle Fälle muss mit der Biomasseverschwendung endlich mal Schluss sein - und hier bitte können sich alle an der Nase fassen, ich bin Bäuerin und manchmal steigt mir der Blutdruck, wenn immer die Bauern an allem Schuld sind.
Wo, meinst Du, wird Biomasse verschwendet?
Damit hat sie schon recht. In den letzten Hundert Jahren wurde ein Grossteil der natuerlichen Bodenfruchtbarkeit zerstoert, weil immer mehr Biomasse dem Kreislauf des Lebens (Boden – Pflanze – Tier/Mensch - Boden) entzogen wird. Zuerst sind Zugtiere und andere Nutztiere aus der Landwirtschaft verschwunden – also weniger Stallmist. Dann wurde organische Duengung durch mineralische/chemische Duengung ersetzt. Zusaetzlich geht organische Substanz im Boden (Humus) verloren, weil der Boden gepfluegt wird, durch Erosion und weil der Boden oft lange ohne Bodendecke bleibt. Der Boden braucht permanenten Pflanzenbewuchs, um seine Fruchtbarkeit staendig zu erneuern. Schliesslich werden grosse Landflaechen zubetonniert oder asphaltiert. Viel Land geht durch Wuestenbildung verloren. Und ein erheblicher Teil der Biomasse wird im WC einfach herunter gespuelt. All das ist schon kriminell, aber jetzt soll die verbleibende Biomasse auch noch karbonisiert werden, um damit pseudo Terra Preta herzustellen. Das ist alles sehr pervers.

lg. Dieter

Re: terra preta

Verfasst: Sa 21. Jan 2012, 14:18
von DieterB
Seppel hat geschrieben:Es gibt 2 Arten, und zwar Nährhumus und Dauerhumus.
Die Unterscheidung in Naehrhumus und Dauerhumus wird in der traditionellen deutschen Bodenforschung verwendet (siehe z.B. H.P. Rusch). In der angelsaechsischen Bodenforschung sowie in modernen Untersuchungen spielt dieser Unterschied keine sehr grosse Rolle mehr. Da gibt es zahlreiche andere Kriterien nach denen der Boden untersucht wird. Aber selbst wenn man die organischen Substanzen im Boden grob in Naehrhumus und Dauerhumus unterteilen, gibt es keine scharfe Trennlinie zwischen den Beiden. Ein Teil der organischen Stoffe zirkuliert durch Abbau/Umbau/Aufbau zwischen Boden-Pflanze-Tier/Mensch und natuerlich der Atmosphere, ein anderer Teil wird in den sogenannten Ton-Humus-Komplexen, usw., gebunden und kann unter Umstaenden 100 ja 1000 Jahre ueberdauern, bis er irgenwann in den aktiven Kreislauf zurueckkehrt. Aber die Grenze zwischen den Beiden ist eher fliessend. Auch gibt es ganz neue Ansaetze wie z. B. die Glomalinforschung.

lg. Dieter

Re: terra preta

Verfasst: Sa 21. Jan 2012, 21:42
von Seppel
DieterB hat geschrieben:Und ein erheblicher Teil der Biomasse wird im WC einfach herunter gespuelt. All das ist schon kriminell, aber jetzt soll die verbleibende Biomasse auch noch karbonisiert werden, um damit pseudo Terra Preta herzustellen. Das ist alles sehr pervers.
Nicht absolut, denn auch Klärschlamm lässt sich verkohlen. Bei den Aufwandmengen an Biokohle stellt stellt sich nicht einmal die Frage "Tank oder Teller?". Aus ganz ökonomischen Gründen. Wenn die Hersteller für die Ausgangstoffe auch noch Geld bezahlen müssten, würde die Tonne Kohle viel mehr kosten als sie ohnehin tut. Kein Landwirt würde das bezahlen. Daher werden i.d.R. Rest- und Abfallstoffe verwendet.
Stieglitz hat geschrieben:Es ist bei uns noch nicht so schlimm wie z.T. in Mecklenburg, wo der Boden noch einen Humusanteil von 0.5 % haben soll. Ich habe diese Zahl nicht selber gemessen, aber der Trend ist bekannt.
Solche Gehalte sind schon sehr schlimm, wenn man die Folgen betrachtet. Bodenerosion ist eine schlimme Sache, doch trotzdem wird munter weiter gepflügt und gespritzt.

Dass es auch anders geht zeigt Dipl.-Ing Henning Knutzen aus in der Nähe von Flensburg. 100ha ökologisch bewirtschaftet, mit Humusaufbau und schonender Bodenbearbeitung. Wieder einer, der in die richtige Richtung geht! Hier klicken für mehr Informationen -----> http://www.hamhamgmbh.de


Was mir bei Bodenerosion noch einfällt, ist Plaggenhieb. In Norddeutschland wurde das Verfahren bis vor 70-100 Jahren angewand. Weil die Böden von Beginn an schon ziemlich arm waren, gingen die Bauern in die Heide bzw. in den Wald, um die obere Bodenschicht abzutragen. Das so gewonnene Material wurde als Einstreu (in schlimmen Zeiten auch als Futter) für Tiere verwendet. Nach der Nutzung wurde das Material zusammen mit den tierischen Ausscheidungen wieder ausgebracht, auf Anbauflächen in Siedlungsnähe. So sind einerseits nahrhafte Böden entstanden; Andererseits auch furchtbar arme. Die Auswirkungen sind heute noch zu sehen, an ausgedehnten Heideflächen, die bestenfalls als extensive Schafweide taugen. Auch offene Dünen(!) habe ich in dem Zusammenhang schon gesehen...

Re: terra preta

Verfasst: So 22. Jan 2012, 08:00
von hobbygaertnerin
Hallo DieterB,
diese Erde ist wohl die perfekte Mischung von geschaffenem Dauerhumus, ein Humusprofil von mehr als einen Meter, von so was kann man nur träumen.
Diese Mischung von Abfallwirtschaft, von Müllentsorgung, von Siedlungshygenisierung in diese fruchtbare Erde umzuwandeln, meine tiefe Hochachtung vor dieser hohen geistigen Leistung.
Die Tonscherben hatten sicher auch die Aufgabe, als Mykhorizzazwischenspeicher zu dienen.
Terra preta ist nicht nur mal schnell ein paar Abfälle zu kompostieren, sie mit Holzkohle zu versehen, es muss in einer bestimmten Weise geschehen sein, die diese Symbiose von Bakterien, Regenwürmern, Mykhorizza und allem anderen Bodenlebewesen eine perfekte Lebensgrundlage geschaffen hat.
@Seppel, die Biokohle auf Landwirtschaftliche Flächen auszubringen- wäre eine gute Lösung, allerdings müssen hier noch viele Millionen Liter Wasser den Rhein durchfliessen.
Klärschlamm als Biokohle- hier muss die Medikamentenfracht aber sehr genau geklärt werden.
Die Grundidee von diesem perfekten Stofstrommanagement in diesen alten Kulturen war genial, nur haben wir hier noch einige Hausarbeiten zu machen. Die Wälder auszuräumen, um den Boden zu verbessern, das wäre doch das Gegenteil von gut.
Solange die Stoffstromkreisläufe so sind, wie sie eben sind, halte ich nichts von einer Aufbringung von Terra preta auf Ackerböden. Erstens ist es viel zu teuer und zweitens, nur damit die darauf erzeugten Lebensmittel in die Biotonne geworfen werden, das ergibt für mich keinen Sinn. Wenn die Erdölvorräte zur Neige gehen, dann kommt der grosse Druck auf die Flächen, die Verschwendung der Biomasse wird dann ganz schnell zu einer Verknappung führen. Ob irgendwann die Lichter in den Oberstübchen aufgehen, dass dieser verschwendende Lebensstil nicht funktionieren kann, ich hoffe es.

Gruss
hobbygaertnerin

Re: terra preta

Verfasst: Mo 23. Jan 2012, 00:39
von Seppel
Keine Sorge, die Verkohlung findet bei >700°C statt, die chemischen Bindungen werden dabei aufgebrochen. Alles was nicht Kohlenstoff ist, wird verbrannt.

Es gibt bereits Anreize für Bauern, langfristig organische Substanz (+Kohlenstoff) in den Boden einzulagern, Stichwort CO2-Zertifikate. Klar kostet das zunächst den Bauern etwas Geld, aber andererseits wird der Boden aufgewertet. Und wenn es (mittelfristig) geklappt hat, kriegt er schließlich wieder Geld rein, eben durch den Verkauf der CO2 Zertifikate.

Re: terra preta

Verfasst: Mi 1. Feb 2012, 13:04
von Chaosgarten
Ich habe meine offenen Fragen, die hier auch schon teilweise kontrovers diskutiert wurden mal einem Fachmann gestellt.

Die Fragen und Atworten habe ich hier veröffentlicht: http://chaosgarten.blogspot.com/2012/01 ... of-dr.html

Die Antworten sind zwar recht kurz, gerade bezüglich der Frage Fermentierung und EM aber ziemlich eindeutig.

Re: terra preta

Verfasst: Mi 1. Feb 2012, 15:09
von luitpold
Chaosgarten hat geschrieben:Ich habe meine offenen Fragen, die hier auch schon teilweise kontrovers diskutiert wurden mal einem Fachmann gestellt
hey danke.
super idee dr bruno glaser direkt anzusprechen.

das ist ein wirklich toller beitrag auf deiner seite. (der auch noch meine meinung bestätigt) :mrgreen:

lg
luitpold