Liebe Rohana, nicht nur eine Fachfrau wie Du weiß, dass Stickstoff keine einfache Plus-Minus-Größe in einer Bilanz ist. Selbst ein Koi-Halter kann wegen eigener Betroffenheit Geschichten erzählen von Nitrifikation und Denitrifikation.
Stickstoff kommt organisch gebunden vor (Eiweiß in Pflanzen, Tieren, Mikroben), als Harnstoff, Ammoniak, Ammonium, Nitrit, Nitrat, Lachgas (N2O), atmosphärischer Stickstoff (N2, immerhin 78 Prozent unserer Luft). Und es gibt da Umwandlungsfeuerwerke, abhängig von vielfältigen Rahmenbedingungen - daher findet eine Stickstoffmengenmessung in Standardproben nicht statt.
Zwischen den Stickstoff-Formen finden verschiedene Umwandlungsprozesse statt. Nicht jede Stickstoff-Form ist für die Pflanze gleich gut verwertbar. Was genau im Boden geschieht erfahren Sie in unserm Video zum Stickstoff-Kreislauf
Nitrat und Ammonium gehören beide in den Düngeplan
Erklärungen zu Harnstoff, Ammonium und Nitrat sind dann oft beeinflusst und übergewichtet durch Hersteller solcher (Kunst)Dünger. Das darf und sollte man für sich immer ein wenig mitlesen. In eine faire Gesamtbetrachtung würde man Stickstoffsammler und Azotobacter, die also Luftstickstoff binden können, einbeziehen. Auch
Archaeen. Auch bei Wirtschaftsdüngern wie Stall- und Biogasgülle sollte man differenzieren. Wenn einem die Nähe zu unbehandelter Gülle wegen des beißenden Ammoniaks die Luft verschlägt, sollte einem bewusst sein, dass dieser Ammoniak wohl kaum noch in den Boden geht zur Verbesserung einer Stickstoffbilanz, sondern das ist gelebter Verlust. Wenn man Boden mit solcher Gülle "überflutet", erzielt man neben Düngung auch eine massive Vergiftung.
Wiederum sollte man Dinge wie Mulch und Kompost einbeziehen, manche dann auch die biologische Düngung - Kuh frisst Gras auf der Wiese und hinterlässt eigene Stoffwechselprodukte.
Eine zweite Ebene der Betrachtung wäre dann, welche der Stickstoff-Formen jetzt gut ist, hinsichtlich Ertrag, oder hinsichtlich Pflanzengesundheit (eine gesunde Pflanze lässt guten Ertrag erwarten, nicht zwingend Maximalertrag). Also welche Form kann die Pflanze an sich aufnehmen und nutzen, und welche Form würde sie selber als optimal ansehen? Wie stellt sich Verfügbarkeit und nachhaltige Verfügbarkeit wirklich dar, da mein System nicht ein Topf mit einem Deckel ist?
Die überwiegend vertretene These (Wahrheit?) ist, dass Pflanzen sich über wassergelöste Ionen, also Nitrat, ernähren und fertig.
Es gibt aber auch andere Betrachtungen.
Sowohl die Stickstoffverbindungen Nitrat (NO3-) als auch Ammonium (NH4+) können von den Pflanzen direkt aufgenommen werden (ebenso wie Harnstoff und Aminosäuren, auf welche wir hier aber nicht näher eingehen). Ob Nitrat oder Ammonium im Boden vorherrscht, ist eindeutig eine Frage der Eh/pH-Verhältnisse im Boden, wie es das Pourbaix-Diagramm unten ersichtlich macht. Demnach dominieren unter oxidierten Bedingungen das Nitrat, unter reduzierten und mässig oxidierten Bedingungen und bei einem pH-Wert unter 9,2 das Ammonium
Da gibt es sogar eine Empfehlung in Richtung Ausgewogenheit statt einseitiger Diät.
Irgendwo in diesen Überlegungen zum wieviel hinein ist mir der Rechenschieber zerbrochen. Als einfach denkender Geist lehne ich mich an übersichtliche Leitlinien:
- An den Pflanzen selber kann man Missstände erkennen:
Nährstoffmangel und Nährstoffüberversorgung Bilder
Zusätzlich könnte man sich über Messung von Brix-Werten einen Überblick über Pflanzengesundheit holen. Mache ich (noch) nicht.
Großtechnisch gibt es wohl auch schon Observierungen per Satellit, wo man über Abstrahlung von elektromagnetischen Wellen Informationen generieren und auswerten kann.
- Ich habe eine bodenbiologische Probe erstellen lassen. Wenig überraschend sagte der Bodenkundler, am vorhandenen und gezählten Leben im Boden kann man auf Gesundheit und Verhältnisse im Boden schließen. Der Milchbauer kann das ja auch, wenn er seine Herde betrachtet.
- Es gibt Erkenntnisse, dass Pflanzen "wissen". was sie benötigen, und steuern können, was sie aufnehmen und vom umgebenden Bionom anfordern (wenn man sie in dieser Lage leben lässt). Wenn also die Vorratskammer ausreichend gefüllt ist, kann sich die freie und "intelligente" Pflanze selber angemessen bedienen. Das wird wiederum nicht zwingend auf Maximierung eines Ertrages hinauslaufen, aber doch auf gute Erträge.
Ich sehe also eine Verschiebung von zeitlich abgestimmter bedarfsgerechter Düngung zu einer kontinuierlichen Eigenversorgung.
Diese ganzen Größen kann ich natürlich nicht fassen. Ich breche es auf das herunter: Ein guter Boden ist gut für die meisten meiner Pflanzen. Irgendwo hatte ich mal gelesen: Wenn der Boden 5 ... 6 Prozent Humus hat, werden viele Probleme kleiner.
Vielleicht bringen diese Beschäftigungen mit Stickstoff einige mehr Bewegungen als nur umfallende Säcke in China ...