Dass du deine Vorstellung von Natur der Natur vorziehst, ist ja keine neue Erkenntnis.
"Natürlich" ist ein noch viel schwierigerer Begriff. In der westlichen Trennungsideologie wird darunter ja gerne ohne menschlichen Einfluss verstanden.
Nur gäbe es in dem meisten Teilen Mitteleuropas dann keinen Wald.
Wobei "Wald" auch schon wieder ein schwieriger Begriff ist, weil die Waldfraktion und die Graslandfraktion davon unterschiedliche Definitionen haben. Für erstere ist alles Wald, wo sich in Sichtweite ein Baum findet, für letztere ist die (potentielle) Bodenbedeckung ausschlaggebend.
Wie dein Bild zeigt, kommen die meisten Laubholzarten nicht mal gegen die paar Rehe an. Von den ausgerotteten ziehenden Megaherbivoren und denn paar noch verbliebenen mittelgroßen Herbivoren ganz zu schweigen. Hätte der Mensch diese nicht abgeräumt, hätte sich die Buche in Mitteleuropa nie flächig ausbreiten können.
Versteht man "natürlich" als ohne menschlichen Einfluss, gibt es hier keinen "natürlichen" Buchenwald.
Und in dem, was von Forstleuten als Buchenurwaldreste angesehen wird, z.B. in den Gebirgshochlagen des Iran entlang der Schwarzmehrküste, sieht der Waldboden aus wie rechts im Bild. Naturverjüngung findet dort praktisch ausschließlich in Form von Auflichtungsinseln statt, sprich wenn alte Buchen fallen und ein Loch ins Kronendach reißen. Dort siedeln zuerst dornige Pionierarten, in deren Schutz dann wieder Buchen hochkommen. All das trotz extrem niedriger Schalenwilddichten, die aber nicht durch Bejagung niedrig gehalten werden, sondern durch die Buchen selbst, die fast keinen Unterwuchs zulassen. Und von ein paar Kräutlein im Frühjahr kann kein Reh das ganze Jahr überleben.
Voraussetzung für dieses Spiel sind neben der Abwesenheit von Megaherbivoren die hohen Niederschlagesmengen dieser Gebirgsregion (wobei die Niederschläge dort alleine nach meiner Einschätzung zu gering sind, um alleine eine Graslandbildung zu verhindern, sprich durch Auswaschung von Mineralien den Herden die Lebensgrundlage zu entziehen).
Ich für meinen Teil sehe den Mensch als (außer durch Ausrottung oder Absiedlung is All) untrennbaren Teil der Natur an.
Im Verlauf seiner Evolution hat er viele andere Arten verdrängt und deren Nischen eingenommen oder durch Umgestaltung aufgehoben und dafür neue geschaffen. Und wenn man ihn aus diesen Rollen wieder herausreißt, kommt es halt zu erneuten Verschiebungen.
Das Abwirtschaften er landwirtschaftlichen Nutzflächen durch den Menschen hat natürlich zur massenhaften Ausbreitung von Pionierarten geführt, die sonst ein Nischendasein an Extremstandorten fristen und sich von dort nach Bedarf ausbreiten bzw. lange Zeiträume durch Samen überbrücken.
Eine Rückkehr der Fruchtbarkeit drängt diese Arten dann wieder zurück. Ein Heilungsprozess. Auch wenn die Blüten viele Pionierarten hübscher anzusehen sind als Grind auf der Haut, ist die Funktion ähnlich. Beim Grind freut man sich, wenn er wieder abfällt. Bei den Pionierpflanzen wird gejammert.
Dass die Wiesen im Alpenvorland kaum mehr blühen, liegt nicht an deren hoher Biomasseproduktion, sondern an der häufigen Schnittnutzung. Auch sehr Biomasseproduktives Grünland bringt unter entsprechendem naturnahem Management viele Blüten hervor. Aber das geht nur mit Weidetieren, die selektiv den für sich hochwertigsten Teil der Biomasse fressen können. Mit maschineller Bearbeitung ist das nicht möglich, weil sonst die als Futter nicht tauglichen Stängel und unteren Blattteile mit geerntet werden müssen.
Um das zu veranschaulichen: In seinem gestrigen Video hat Greg Judy eine Fläche im ich glaube 3. Jahr der Wiederurbarmachung (also noch nicht übermäßig fruchtbar, zumal an seinem Standort, der weder vom Boden noch vom Klima besonders begünstigt ist) gezeigt. Vorher war der Hang komplett von Brombeeren überwuchert. Die Fläche wurde nicht umgebrochen und nichts gesät, nur die Brombeeren gemulcht und dann haben die Rinder ihre Arbeit gemacht und die im Boden vorhandene Saatgutbank aktiviert
In der Eingangsszene sieht man im Hintergrund, hinter der Elektrolitze, den noch nicht abgeweideten Teil und im Vordergrund den bereits abgeweideten Teil.
1/3 der Biomasse wird gefressen, 1/3 auf den Bodengetrampelt (als Bodenbedeckung und Futter für die Mikroben) und 1/3 bleibt stehen. Der typische Effekt einer ziehenden Herde.
Das kann ein Mähwerk nicht leisten. Das müsste die ganze für die Tiere schlecht verdauliche Biomasse mit geerntet werden, die Rückfütterung für die Bodenmikroben wurde fehlen, der Boden wäre zeitweise kaum bedeckt und die Pflanzen müssten deutlich mehr Reserven mobilisieren um wieder auszutreiben.
Ab ca. 4:30 min läuft er dann in den noch nicht beweideten Teil. Blüten gibt es dort reichlich.
Edit: Link vergessen:
https://www.youtube.com/watch?v=LGcPXbc36xw