Re: Microbielle Carbonisierung?
Verfasst: So 8. Okt 2017, 12:32
Ich habe das Buch von Walter Witte jetzt vorliegen und gelesen.
Über die zahlreichen Grammatik- und Rechtschreibfehler kann man getrost hinwegsehen. (Ein Lektorat ist offenbar nicht erfolgt.)
Auch inhaltlich hat das Buch einige Schwächen. Er verzichtet auf Literaturangaben und listet seine eigenen Messergebnisse nicht ausführlich auf. An mehreren Stellen scheint er mir das Richtige zu meinen, es aber falsch darzustellen. Z.B. wenn er schreibt "Ein Habitat, wo weder Wasser noch Luft, noch Licht vorhanden ist, führt zwangsläufig zur Gärung" (unten auf Seite 16). Wo kein Wasser vorhanden ist, kann nichts Gären (trockenes Heu). Er meint vermutlich einen passenden Wassergehalt, also keinen Wasserüberschuss.
Aber:
Die grundsätzliche Linie des Buches ist klar und meines Erachtens richtig:
-Die Aufbereitung organischer Reststoffe ist ein notwendiges Übel. Natürliche Abläufe erzeugen keine Kompost- und Misthaufen (von wenigen Ausnahmen wie Schwemmmaterial-Ansammlungen an Fließgewässern oder Ansammlungen von vom Wind verblasenem Laub etc. mal abgesehen). Der moderne Mensch produziert dagegen Massen davon. Mist, Gülle, Klärschlamm, Biomüll, Grünschnitt etc. etc.
-Die heute üblichen Verfahren zur Aufbereitung/Verwertung dieser Stoffe führen dazu, dass ein großer Teil dieses organischen Materials in Gasform in die Atmosphäre oder die Verbrennung wandert. Bei der aeroben Kompostierung wird der größte Teil des im Haufen enthaltenen Kohlenstoffs als CO2 freigesetzt. Auch weitere Nährstoffe gehen in Gasform verloren. Ähnlich ist es bei der Biogas-Bereitung, nur dass der Kohlenstoff dort zwecks energetischer Nutzung verbrannt wird.
-Witte plädiert dafür, die Lagerung und Aufbereitung der organischen Stoffe so zu verändern, dass ein mögl. großer Teil der Masse und der Nährstoffe erhalten bleibt und dem Boden zugeführt werden kann. Er schlägt dazu ein Verfahren vor, dass der Microbielle Carbonisierung nennt. Was er tut entspricht im Kern den früheren Misthaufen auf den Bauernhöfen, aus stimmigen Anteilen von Stroh und Kot, die mit der Gabel feinsäuberlich aufgesetzt und festgetreten wurden. (Ich kenne das noch aus der Kindheit. Meinem Großvater war ein ordentliches Aufsetzen des Mistes sehr wichtig.) Witte macht das maschinell. Die (bei Bedarf, je nach späterem Einsatzzweck) vorzerkleinerten Ausgangsstoffe werden wie bei der Kompostherstellung auf ein halbwegs vernünftiges C:N-Verhältnis gemischt und auf eine Feuchte von max. 50% eingestellt. Anschließend wird der Haufen aufgesetzt, verdichtet (max. 1% Restsauerstoff im frisch verdichteten Substrat) und die Oberfläche des Haufens geglättet.
Also ähnlich wie die Befüllung eines Fahrsilos, nur dass der Haufen nicht luftdicht abgedeckt wird. In Gegenden mit viel Niederschlag soll der Vorgang unter Dach erfolgen, um ein zu starkes Durchnässen zu verhindern. Der Haufen soll sich auf nicht mehr als 55°C erwärmen, sonst müsse nachverdichtet werden.
In diesen Haufen laufen verschiedene, weitgehend anaerobe Umsetzungsprozesse statt. Der Hauptunterschied zur Kompostierung ist, dass das Material nicht mineralisiert wird und so viel mehr Kohlenstoff und andere Nährstoffe im Substrat erhalten bleiben. Trotzdem werden diese Stoffe zu einem gewissen Grad aufgeschlossen, so dass sie nach der Ausbringung leichter für das Bodenleben und die Pflanzen erschließbar sind.
-Für die Ausbringung des Materials schlägt er vor, dieses zusammen mit oberflächig auf dem Acker vorhanden Reststoffen (Stroh) ca. 15 cm tief einzumischen. Der Boden sei umgehend durch Walzen rückzuverdichten, weil die Bodenbearbeitung und der damit verbundene starke Sauerstoffeintrag das Bodenleben massiv beeinträchtigen und zur gasförmigen Freisetzung großer Mengen vorher organisch gebundenen Kohlenstoffs und anderer Nährstoffe führen. Diese Prozesse setzen teilweise innerhalb von Minuten ein, weshalb die Rückverdichtung umgehend nach der Bearbeitung, mögl. im gleichen Arbeitsgang, erfolgen sollte.
Als Beleg für seine Theorien zeigt er einen eindrucksvollen Weizenbestand auf einer seiner Versuchsflächen.
Laut meines Onkels (er hat einen Vortrag von Walter Witte besucht) hat Witte ca. 40 Versuchsflächen, die ein Großbetrieb in den neuen Bundesländern weitgehend nach seinen Vorgaben bewirtschafte. Die Flächen würden aber, entgegen Wittes wünschen, durch diesen Betrieb zusätzlich gedüngt. Eine wirklicher Vergleich der Wirkung ist als schwer möglich.
Von der großen Linie her erscheinen mir seine Gedanken sehr plausibel.
Noch besser wäre es natürlich, wenn man es erst gar nicht zu einer Anhäufung solcher "Reststoff"-Mengen kommen ließe, sondern sich noch näher an die natürlichen Abläufe begäbe, indem man die Tiere wieder auf den Flächen hielte und auch die Ausscheidungen und den Biomüll der Menschen wieder viel enger in die Nährstoffkreisläufe einbände. Das wird sich aber schwer realisieren lassen, solange die Menschen geballt in Großstädten sitzen und durch eine ebenfalls geballte Produktion versorgt werden müssen.
Da sind die Selbstversorger auf dem Land auf einem deutlich besseren Weg...
Er kritisiert in seinem Buch auch den Trend zur Biokohle. Da gebe ich ihm ebenfalls recht. Bei der Biokohle-Herstellung werden reichlich Nähr- und Schadstoffe unter hohem Energieaufwand in die Luft geblasen. Der verbleibende Rest, die Kohle, ist für das Bodenleben kaum erschließbar. Eine der Hauptwährungen des Bodenlebens ist organisch gebundener/bindbarer Kohlenstoff. Für diesen Kreislauf des Lebens ist Kohle ungefähr so wertvoll wie eine Kiste gut versteckter Goldbarren für die Konsumförderung... Auch bezüglich der Wasserspeicherung hat die Biokohle nur einen geringen Wert. Sie nimmt das Wasser nur sehr zögerlich an und trocknet schnell wieder aus. Organisches Material dagegen kann Wasser schnell aufnehmen und langsam wieder abgeben. Das ist der Effekt, den wir zur Aufnahme und Speicherung der Niederschläge in den Böden benötigen.
Er ergänzt seine Kritik mit der Anmerkung, dass schon alleine die Tatsache, dass die Terra preta im Amazonasbecken nachwachse, gegen eine wesentliche Bedeutung der Pflanzenkohle und der Tonscherben in diesem Prozess spräche. Er geht (wie auch ich) davon aus, dass es sich bei diesen Stoffen einfach um Abfälle der Siedlungen oder die Reste irgendwelcher Rieten handle. Die Kohle schreibt er Resten von Kochfeuern zu. Ich vermute dagegen, dass der Großteil der Kohle schlicht und ergreifend aus der Brandrodung stammt, mit der die indigenen Völker heute noch regelmäßig ihre wechselnden Felder vorbereiten. Kochfeuer werden ja länger am gleichen Platz geschürt. Da bleibt idR keine Kohle sondern nur Asche übrig, weil die verkohlen Reste vorheriger Feuer in den folgenden Feuern verbrennen.
Über die zahlreichen Grammatik- und Rechtschreibfehler kann man getrost hinwegsehen. (Ein Lektorat ist offenbar nicht erfolgt.)
Auch inhaltlich hat das Buch einige Schwächen. Er verzichtet auf Literaturangaben und listet seine eigenen Messergebnisse nicht ausführlich auf. An mehreren Stellen scheint er mir das Richtige zu meinen, es aber falsch darzustellen. Z.B. wenn er schreibt "Ein Habitat, wo weder Wasser noch Luft, noch Licht vorhanden ist, führt zwangsläufig zur Gärung" (unten auf Seite 16). Wo kein Wasser vorhanden ist, kann nichts Gären (trockenes Heu). Er meint vermutlich einen passenden Wassergehalt, also keinen Wasserüberschuss.
Aber:
Die grundsätzliche Linie des Buches ist klar und meines Erachtens richtig:
-Die Aufbereitung organischer Reststoffe ist ein notwendiges Übel. Natürliche Abläufe erzeugen keine Kompost- und Misthaufen (von wenigen Ausnahmen wie Schwemmmaterial-Ansammlungen an Fließgewässern oder Ansammlungen von vom Wind verblasenem Laub etc. mal abgesehen). Der moderne Mensch produziert dagegen Massen davon. Mist, Gülle, Klärschlamm, Biomüll, Grünschnitt etc. etc.
-Die heute üblichen Verfahren zur Aufbereitung/Verwertung dieser Stoffe führen dazu, dass ein großer Teil dieses organischen Materials in Gasform in die Atmosphäre oder die Verbrennung wandert. Bei der aeroben Kompostierung wird der größte Teil des im Haufen enthaltenen Kohlenstoffs als CO2 freigesetzt. Auch weitere Nährstoffe gehen in Gasform verloren. Ähnlich ist es bei der Biogas-Bereitung, nur dass der Kohlenstoff dort zwecks energetischer Nutzung verbrannt wird.
-Witte plädiert dafür, die Lagerung und Aufbereitung der organischen Stoffe so zu verändern, dass ein mögl. großer Teil der Masse und der Nährstoffe erhalten bleibt und dem Boden zugeführt werden kann. Er schlägt dazu ein Verfahren vor, dass der Microbielle Carbonisierung nennt. Was er tut entspricht im Kern den früheren Misthaufen auf den Bauernhöfen, aus stimmigen Anteilen von Stroh und Kot, die mit der Gabel feinsäuberlich aufgesetzt und festgetreten wurden. (Ich kenne das noch aus der Kindheit. Meinem Großvater war ein ordentliches Aufsetzen des Mistes sehr wichtig.) Witte macht das maschinell. Die (bei Bedarf, je nach späterem Einsatzzweck) vorzerkleinerten Ausgangsstoffe werden wie bei der Kompostherstellung auf ein halbwegs vernünftiges C:N-Verhältnis gemischt und auf eine Feuchte von max. 50% eingestellt. Anschließend wird der Haufen aufgesetzt, verdichtet (max. 1% Restsauerstoff im frisch verdichteten Substrat) und die Oberfläche des Haufens geglättet.
Also ähnlich wie die Befüllung eines Fahrsilos, nur dass der Haufen nicht luftdicht abgedeckt wird. In Gegenden mit viel Niederschlag soll der Vorgang unter Dach erfolgen, um ein zu starkes Durchnässen zu verhindern. Der Haufen soll sich auf nicht mehr als 55°C erwärmen, sonst müsse nachverdichtet werden.
In diesen Haufen laufen verschiedene, weitgehend anaerobe Umsetzungsprozesse statt. Der Hauptunterschied zur Kompostierung ist, dass das Material nicht mineralisiert wird und so viel mehr Kohlenstoff und andere Nährstoffe im Substrat erhalten bleiben. Trotzdem werden diese Stoffe zu einem gewissen Grad aufgeschlossen, so dass sie nach der Ausbringung leichter für das Bodenleben und die Pflanzen erschließbar sind.
-Für die Ausbringung des Materials schlägt er vor, dieses zusammen mit oberflächig auf dem Acker vorhanden Reststoffen (Stroh) ca. 15 cm tief einzumischen. Der Boden sei umgehend durch Walzen rückzuverdichten, weil die Bodenbearbeitung und der damit verbundene starke Sauerstoffeintrag das Bodenleben massiv beeinträchtigen und zur gasförmigen Freisetzung großer Mengen vorher organisch gebundenen Kohlenstoffs und anderer Nährstoffe führen. Diese Prozesse setzen teilweise innerhalb von Minuten ein, weshalb die Rückverdichtung umgehend nach der Bearbeitung, mögl. im gleichen Arbeitsgang, erfolgen sollte.
Als Beleg für seine Theorien zeigt er einen eindrucksvollen Weizenbestand auf einer seiner Versuchsflächen.
Laut meines Onkels (er hat einen Vortrag von Walter Witte besucht) hat Witte ca. 40 Versuchsflächen, die ein Großbetrieb in den neuen Bundesländern weitgehend nach seinen Vorgaben bewirtschafte. Die Flächen würden aber, entgegen Wittes wünschen, durch diesen Betrieb zusätzlich gedüngt. Eine wirklicher Vergleich der Wirkung ist als schwer möglich.
Von der großen Linie her erscheinen mir seine Gedanken sehr plausibel.
Noch besser wäre es natürlich, wenn man es erst gar nicht zu einer Anhäufung solcher "Reststoff"-Mengen kommen ließe, sondern sich noch näher an die natürlichen Abläufe begäbe, indem man die Tiere wieder auf den Flächen hielte und auch die Ausscheidungen und den Biomüll der Menschen wieder viel enger in die Nährstoffkreisläufe einbände. Das wird sich aber schwer realisieren lassen, solange die Menschen geballt in Großstädten sitzen und durch eine ebenfalls geballte Produktion versorgt werden müssen.
Da sind die Selbstversorger auf dem Land auf einem deutlich besseren Weg...
Er kritisiert in seinem Buch auch den Trend zur Biokohle. Da gebe ich ihm ebenfalls recht. Bei der Biokohle-Herstellung werden reichlich Nähr- und Schadstoffe unter hohem Energieaufwand in die Luft geblasen. Der verbleibende Rest, die Kohle, ist für das Bodenleben kaum erschließbar. Eine der Hauptwährungen des Bodenlebens ist organisch gebundener/bindbarer Kohlenstoff. Für diesen Kreislauf des Lebens ist Kohle ungefähr so wertvoll wie eine Kiste gut versteckter Goldbarren für die Konsumförderung... Auch bezüglich der Wasserspeicherung hat die Biokohle nur einen geringen Wert. Sie nimmt das Wasser nur sehr zögerlich an und trocknet schnell wieder aus. Organisches Material dagegen kann Wasser schnell aufnehmen und langsam wieder abgeben. Das ist der Effekt, den wir zur Aufnahme und Speicherung der Niederschläge in den Böden benötigen.
Er ergänzt seine Kritik mit der Anmerkung, dass schon alleine die Tatsache, dass die Terra preta im Amazonasbecken nachwachse, gegen eine wesentliche Bedeutung der Pflanzenkohle und der Tonscherben in diesem Prozess spräche. Er geht (wie auch ich) davon aus, dass es sich bei diesen Stoffen einfach um Abfälle der Siedlungen oder die Reste irgendwelcher Rieten handle. Die Kohle schreibt er Resten von Kochfeuern zu. Ich vermute dagegen, dass der Großteil der Kohle schlicht und ergreifend aus der Brandrodung stammt, mit der die indigenen Völker heute noch regelmäßig ihre wechselnden Felder vorbereiten. Kochfeuer werden ja länger am gleichen Platz geschürt. Da bleibt idR keine Kohle sondern nur Asche übrig, weil die verkohlen Reste vorheriger Feuer in den folgenden Feuern verbrennen.