Erschreckende Ergebnisse bei Tierwohl-Versuchen

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Manfred
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Re: Erschreckende Ergebnisse bei Tierwohl-Versuchen

#11

Beitrag von Manfred » So 15. Jan 2017, 11:56

Bei der Tierwohl-Debatte geht es ja nicht darum, wie man Schweine optimal halten könnte, wenn man Geld zum Saufüttern hätte.
Es geht darum, wie man unter den aktuellen Bedingungen am Massenmarkt mit geringem Kostenaufwand etwas zum Wohl der Tiere verbessern kann.
In dem Zusammenhang irgendwelche teuren Nischentierhaltungen mit hohen Vermarktungspreisen anzuführen, ist sinnfrei.
Es geht um ein paar Cent mehr pro erzeugtem Tier und wie man die am besten einsetzen kann.

henmen
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Re: Erschreckende Ergebnisse bei Tierwohl-Versuchen

#12

Beitrag von henmen » So 15. Jan 2017, 17:48

Manfred,

dem Verbraucher wird suggeriert das es dem Tier mit einem Tierwohl- oder Bio-Label besser gehalten werden, obwohl die grundlegenden Verhaltensweisen der Schweine, wie beispielsweise das alltägliche und stundenlange durchwühlen einer lockeren Bodengrunds, eine instinktiv verankerte strikte Trennung von Schlaf- und Kotplatz und oder das Suhlen zur Regulierung der Körpertemperatur und zur Auslebung des natürlichen Komfortverhaltens, komplett ausgeklammert wird.

NPF dagegen verbindet eine tiergerechte Haltung und - im Gegensatz zu kosten- und platzintensiven Haltung von Tieren beispielsweise in der spanischen Eichelmast - mit einem niedrigen Erzeugerpreis, ohne den ganzen Wust an technischen Einrichtungen, die die aktuelle Schweinehaltung scheinbar nötig hat, um sich vom Umfeld hermetisch abzuriegeln. So kostet baulich aktuell ein konventioneller Abferkelplatz mindestens 5.000 Euro (ca. 7.000 Euro als AFP Premium Platz), ein Platz im Deckraum 2.500 Euro, der Platz für eine tragende Sau 2.300 Euro, ein Umstallplatz 1.500 Euro, ein Platz für Jungsauen 1.400 Euro, Nebenräume pro Sau 100 Euro, ein Ferkelaufzuchtplatz 350 Euro, ein Mastplatz ab 600 Euro jeweils ohne Mehrwertsteuer gerechnet (Quelle: Bausau Version 1.5, Landwirtschaftsministerium BW Stand 02/2016). Zusammengefasst kostet damit ein durchschnittlicher Zuchtsauenplatz inkl. Reserveflächen und Ferkelaufzucht mindestens 5.563 Euro ohne Mehrwertsteuer pro Platz. Ob und inwieweit hier Baumaßnahmen für die Gülle-Lagerung und oder deren Aufbereitung bereits einkalkuliert sind, kann ich nicht beurteilen.

Ein NPF Sauenplatz kostet dagegen in einfachster Ausführung ca. 350 Euro je Abferkelplatz bzw. max. 3.810 Euro für einen allen Normen entsprechenden Platz inkl. säurefester Klimabodenplatte und verfahrbarem Cabriodach. Bei dieser Berechnung steht dann jeder Zuchtsau jeweils 15 Quadratmeter Stallfläche (konventionell 2,5 qm) inkl. Suhle und Tiefbett zur Verfügung. Pro Sauenplatz erspart somit NPF mindestens 1.750 Euro oder auf 200 Sauenplätze gerechnet 350.600 Euro, allein bei den baulichen Maßnahmen gegenüber konventionellen Stallbauten. Was bei dieser Haltungsform elitär, preistreibend oder sinnfrei sein soll, erschließt sich mir im Augenblick allerdings nicht.

Gruß

Henmen
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Manfred
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Re: Erschreckende Ergebnisse bei Tierwohl-Versuchen

#13

Beitrag von Manfred » So 15. Jan 2017, 18:09

Wo kann man denn die Kalkulation für die NPF-Investitionskosten nachlesen?
Viel wichtiger sind aber die Kosten für den laufenden Betrieb und die Arbeitszeit.
Was fällt z.B. innerhalb von 20 Jahren an Kosten für das Substrat im Stall und dessen Austausch, Kompostierung aus Ausbringung an?
Wenn ich z.B. pro Füllung unter der unwahrscheinlichen Annahme, man müsse nie nachstreuen, von 5 Jahren Lebensdauer ausgehe und Kosten von 50 Euro pro qm für Beschaffung und Austausch, sind das 4 Füllungen in 20 Jahren a 15 m2 x 50 Euro, also gesamt 3750 Euro.
Und das so ein Stall arbeitswirtschaftlich mit den derzeitigen Sauenställen mithalten kann, kann ich mir nur schwer vorstellen.

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Manfred
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Re: Erschreckende Ergebnisse bei Tierwohl-Versuchen

#14

Beitrag von Manfred » So 15. Jan 2017, 21:20

"Penisbeißer: 'Ebermast ist keine Lösung' "
http://www.agrarheute.com/video/penisbe ... ne-loesung

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Re: Erschreckende Ergebnisse bei Tierwohl-Versuchen

#15

Beitrag von Benutzer 72 gelöscht » Mo 16. Jan 2017, 10:53

ist es denn für kastrierte Schweine schön, so eng zusammengepfercht mit lauter "fremden" Artgenossen leben zu müssen?? Ich versteh jetzt nicht ganz, wie weit das Kastrieren da dem Tierwohl entgegenkommt.....

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Re: Erschreckende Ergebnisse bei Tierwohl-Versuchen

#16

Beitrag von mot437 » Mo 16. Jan 2017, 12:18

ich denke schon das kastraten sogar entspanter als reine weibchengrupen funktionieren
so meine erfarung
auch bei pferden zb
fersuch mal hufkratzen zu gehen auf ne weide mit mereren hengsten
auch bei huenern waere ja die lage entspanter wen gleichfiele haene wie henen sind wen das moeglich waere
oder mit bulen holz schlepen waere doch auch nicht ungefaerlich :aeh:

nicht das ich gut finde das sie in solchen massenstaelen leben aber wen weibliche tiere dort gehalten werden
und weil ich sie als nutztiere sehe denke ich haben sie es besser wen sie nicht auch noch hormonstress haben
Sei gut cowboy

henmen
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Re: Erschreckende Ergebnisse bei Tierwohl-Versuchen

#17

Beitrag von henmen » Mo 16. Jan 2017, 13:10

... noch vor hundert Jahren wurden alle Schweine und damit sowohl Eber als auch Säue die gemästet werden sollten, grundsätzlich "geschnitten".

... in England wird schon seit langer Zeit und bei 98% der Masteber auf eine Kastration verzichtet. Diese Eber werden allerdings bereits mit maximal 90 Kilogramm Körpergewicht bzw. spätestens in einem Alter von 6 Monaten, geschlachtet, um negative Einflüsse auf die Fleischqualität auszuschließen. Jeder Schlachthof in England ist für die Verarbeitung dieser Eber ausgerüstet und bereit diese Tiere anzunehmen. Ich denke deutsche Schlachthöfe würden diese "nicht der einheitlichen Norm in Größe und Gewicht entsprechenden Schweine" wahrscheinlich ablehnen bzw. nicht verarbeiten können oder wollen.

Manfred

die präzisen Daten darf ich leider noch nicht offen legen, da sie Bestandteil eines neuen EU-NPF Pilotprojekts sind, an dessen Realisierung ich mitarbeite.

Gruß

Henmen
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Re: Erschreckende Ergebnisse bei Tierwohl-Versuchen

#18

Beitrag von Manfred » Mo 16. Jan 2017, 15:05

Ich finde es schade, dass sowas immer hinter verschlossenen Türen ausgeklüngelt wird.
Der sicherste Weg, nicht die beste Lösung zu finden.
Aber damit muss man in unserem aktuellen politischen System wohl leben. Wenigstens besser als nichts, wenn in die Richtung geforscht wird.

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Re: Erschreckende Ergebnisse bei Tierwohl-Versuchen

#19

Beitrag von henmen » Di 17. Jan 2017, 12:37

Hallo Manfred,

es geht nicht darum zu klüngeln oder geheim hinter verschlossenen Türen zu arbeiten. Aber leider leben wir aktuell in einer Welt in der zuerst einmal alles Neue und Andere sehr kritisch gesehen bzw. auf einen technokratischen Ansatz reduziert wird. Und - falls es nicht ins eigene Weltbild passt, häufig pauschal abgelehnt wird und das auch dann, wenn man persönlich eigentlich nichts mit dem Thema zu tun hat und oder der verbreitete "Istzustand", kannibalistisch ist und oder zum Himmel stinkt, um es mal salopp zu sagen.

Wir haben uns einfach einmal zurückgelehnt und uns vorbehaltlos auf die Suche nach gleichzeitig umweltfreundlichen, Humus aufbauenden und sich wirtschaftlich rechnenden Haltungsformen gemacht und das nicht nur für Schweine, sondern auch für andere Nutztierarten und Pflanzenzusammenstellungen als Bestandteil eines geschlossenen Nährstoffkreislaufsystems. In diese Suche haben wir auch die Haltungssysteme und Anbaumethoden der letzten 250 Jahre einbezogen.
Letztendlich haben sich zwei Haltungsformen, als mögliche Lösungen in der Schweinehaltung und als Teil des Gesamtsystems für uns und nach unserem Anforderungsprofil herauskristallisiert: Zum ersten die Freilandhaltung in einem "Silvopasture-System" auf Wechselflächen und nach Holistic Management Grundsätzen geplant und zum zweiten Natural Pig Farming (Hutewaldmast ist praktisch nicht genehmigungsfähig und fiel deshalb bereits sehr früh aus unseren Planungen heraus). Ersteres benötigt nur sehr geringe Investitionen, allerdings eine Fläche von ca. 4.000 Quadratmetern je Tier und funktioniert wirtschaftlich nur dann zufriedenstellend, wenn eine ausschließliche Aufmastung von zugekauften 28-30 Kilo Ferkeln mit mindestens 50% Zufütterung stattfindet (und keine weiteren Ställe gebaut werden müssen - was aufgrund der Witterungsbedingungen bei uns und behördlichen Auflagen nur sehr schwer zu realisieren sein dürfte). Zudem verbraucht sich die Fläche nach 2 spätestens 3 Jahren und wird sozusagen schweinemüde (die Engländer sagen dazu der Boden wird: Pig Sick), weil sich selbst bei einem optisch guten Zustand und konsequentem Wechsel-Weidemanagement mit entsprechenden Ruhezeiten, Krankheitserreger etc. in diesem relativ kurzen Zeitraum zu stark im Boden angereichert haben und das bedeutet, dass man letztlich 8.000 oder 12.000 Quadratmeter pro Schwein rechnen muss, um Ersatzflächen während der langen konsequenten Nutzungspausen von 2 bis 4 Jahren zu haben und die Voraussetzung einer kontinuierliche Freilandhaltung, über viele Jahre zu gewährleisten.

Alles zum Thema Natural Pig Farming, inkl. eines Vergleichs zwischen Freilandhaltung und NPF findet man unter: http://www.naturalpigfarming.com/

Gruß

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Re: Erschreckende Ergebnisse bei Tierwohl-Versuchen

#20

Beitrag von Manfred » Do 19. Jan 2017, 22:30

henmen hat geschrieben:es geht nicht darum zu klüngeln oder geheim hinter verschlossenen Türen zu arbeiten.
Und doch passiert genau das.
Dabei könnte so ein Projekt sehr viel gewinnen, wenn von Anfang an mehr Leute ihre Ideen einbringen könnten.
Dass ein System aus Gegenden mit billigen Arbeitskräften und billigen Holzabfällen nicht 1 zu 1 in eine Region mit teuren Arbeitskräften und hohen Restholzpreisen übertragbar ist, dürfte jedem klar sein.
In meiner Wunschwelt würde die Idee solcher staatlich finanzierten Projekte vorab veröffentlicht und ein Brainstorming veranstaltet, an dem sich jeder beteiligen könnte, der das möchte.
Und dann würden die Ergebnisse strukturiert gesiebt, wie beim HM, vor Kontext, den die Initiatoren des Projekts errichtet haben.
Mich würde z.B. interessieren, was an Ideen bezgl. eines in Anschaffung und Handling preiswerten und dauerhaften Pilz-Substrats für die N-Fixierung und an Vorschlägen zur arbeitswirtschaftlichen Optimierung zusammen käme.

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