Das Konzept Waldgarten

Moderator: kraut_ruebe

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kraut_ruebe
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Das Konzept Waldgarten

#1

Beitrag von kraut_ruebe » Di 25. Aug 2020, 09:18

Definition von Bernhard Gruber:

Ein Waldgarten ist im Gegensatz zu einem Getreidefeld oder auch Gemüseacker ein dreidimensionales System, angeordnet in verschiedenen Stockwerken oder auch Ebenen, der Schwerpunkt liegt bei mehrjährigen Früchten und extensiven einjährigen Gemüse. Die erste Schicht befindet sich unter der Erde, Knollen, Wurzelgemüse und Rhizome. Die zweite Schicht ist eine Boden bedeckende Lebendmulchschicht, gefolgt von der Kraut- und Staudenschicht. Die vierte Schicht wird von niederen Beerensträuchern und die fünfte von höheren Beerensträuchern gebildet. Die sechste Ebene bilden Obstbäume gefolgt von Horstpflanzen wie Haselnuss oder Bambus und Rankgewächsen wie Kiwi, Hopfen oder Wein. Abschließend als Kronenschicht finden wir hohe Solitärbäume punktuell mit lichtem, fiederem Blattwerk oder an Rändern mit dichtem Blattwerk.

Quelle: Die kleine Permakultur-Fibel - mit Permakultur Zukunft gestalten! von Bernhard Gruber (Buch 160 Seiten, Hardcover, Recyclingpapier, Fadenheftung)


Zwei Beschreibungen dazu:

https://www.energieleben.at/waldgaerten/
https://permakultur.wordpress.com/perma ... t-anlegen/
wenn du denkst, abenteuer sind gefährlich, dann versuchs mal mit routine. die ist tödlich. (coelho)

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emil17
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Re: Das Konzept Waldgarten

#2

Beitrag von emil17 » Do 27. Aug 2020, 10:05

Was mir an den Beschreibungen des Konzeptes Waldgarten fehlt, ist die Frage des Ertrages.
Hier ist es einfach so, dass unter Kronenschatten nicht viel wächst, was den Kochtopf füllen könnte. Unter Nussbäumen gibts eigenlich eigentlich nicht mal richtig Gras - die werden aber in einem der Links als Baumschicht erwähnt.
Auch die Wurzelkonkurrenz der Bäume macht sich stark bemerkbar.
Vielleicht liegt es auch einfach an einer etwas unglücklichen Begriffswahl. Es müsste nicht Waldgarten heissen, denn man strebt nicht einen Wald an, sondern einen Mischbewuchs, wo Einzelbäume genug Seitenlicht für Sträucher und einjährige Kulturen reinlassen. Wenn da mehr als etwa 20% der Fläche Baumkronen sind, dürfte sich das bereits deutlich auf den Ertrag der anderen Kulturen auswirken.
In niedrigeren Breiten, also Subtropen und tropen, dürfte das anders sein.
Das läuft dann entweder auf eine Heckenstruktur hinaus (Knicks oder Bocages) oder auf einen Obstgarten. Im Tessin gab es die Pergolagärten, wo unter Weinreben Gemüse gebaut wird.
Auch die traditionellen Bauerngärten mit Obstgarten als Hühnerauslauf, Beerensträuchern und Grabeland in Hausnähe ist eigentlich nichts anderes.
DIese Kulturformen haben sich seit langem bewährt. Allerdings ist heute Brennholz als Ertragsziel wenig mehr gefragt.

Man darf nicht vergessen, dass unsere Vorfahren bis zur Auswanderungswelle nach Nordamerika und der Industrialiserung stets unter Magel an bebaubarer Fläche litten. Jede irgendwie nutzbare Fläche wurde ertragsoptimiert genutzt. Dünger kam aus der geschlossenen Wirtschaft, weil es damals ausser Hofdünger nichts anderes gab. Das war Permakultur vom Grundlegendsten, allerdings nicht aus einer Weltanschauung geboren, sondern als einzige Möglichkeit, eine Familie zu ernähren.
Wer würde heute noch im Gebirge eine Fläche von 500 Quadratmetern, die nur mit einem einstündigen Fussmarsch steil bergauf erreichbar ist, mit Trockenmauern terrassieren und eine Stallscheune bauen, nur um zwei Ziegen mehr überwintern zu können? Weil das damals überlebensnotwenig, aber nicht wirklich lustig war, sind damals so viele Leute aus den Südalpen ausgewandert.
"Nur einem reichen Mann kann es Spass machen, wie ein armer Mann zu leben (P. Ustinov)"
Heute sind viele dieser Flächen wieder aufgelassen oder sind schon wieder Wald, weil sich eine Bewirtschaftung nicht mehr lohnt.
Wer will, findet einen Weg. wer nicht will, findet eine Ausrede.

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kraut_ruebe
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Re: Das Konzept Waldgarten

#3

Beitrag von kraut_ruebe » Do 27. Aug 2020, 14:47

Der Ertrag wird in jedem Waldgarten anders sein, je nach Standort und Urheber. Wenn man sich zum ersten Mal in die Thematik einliest, mag das durchaus irritierend sein, dass es dazu keine Angaben gibt. Nach mittlerweile 24 Jahren Beschäftigung mit Permakultur bin ich persönlich aber froh drum, dass wenig bis keine pauschalierten Angaben zu xy kg Ernte pro qm umherschwirren - es würde es mir im Südburgenland nix nutzen, wenn ich weiss wieviel in den Südalpen geerntet werden kann und im schlimmsten Fall falsche Hoffnungen wecken, wenn sich alle am klimatisch besten Standort orientieren oder reiche Feigenernte in kühlen Regionen erwarten.

Und ja, die deutschsprachigen Bezeichnungen sind teilweise nicht so treffsicher. Dass man sich unter dem Briff 'Waldgarten' naturgemäss nicht als erstes einen dreidimensional geplanten Obst- und Gemüsegarten vorstellt war der Hauptgrund dafür, dass ich diesen Thread eröffnet hab.

Wie vieles (oder sogar das meiste) im Bereich Permakultur stammt die Grundidee des Waldgartens nicht aus unseren Breiten und wird hierzulande dann angepasst/abgewandelt um auch hier sinnvoll zu sein und kommt in der Anpassung auf die eigenen Gegebenheiten erfrischend oft wieder zu einer Form/Nutzungsweise, die unsere Altvorderen schonmal klug genutzt haben oder zu einer Kooperation mit Anbautechniken, die sich früher gut bewährt hatten und leider oftmals für einen grossen Teil der derzeit Ansässigen in Vergessenheit gerieten.

Für mich zeigt ein praktisches Ergebnis, das zum Satz 'Ah, sieh an, das gabs ja schon mal!' führt, dass der eingeschlagene Weg der richtige für den betreffenden Platz war :)
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Re: Das Konzept Waldgarten

#4

Beitrag von osterheidi » Mi 2. Sep 2020, 06:57

Ob unter bäumen oder unter weinreben, es ist sicher sinnvoll da einiges auszuprobieren. Ich habe festgestellt dass nutzpflanzen eben doch sonne und humus brauchen und der obstbaum vermutlich der stärkere bleiben und sich fröhlich weiterentwickeln , das darunter angebaute wird eher mickern wenn es nicht dauernd kompost oder humus bekommt. Ich habe den versuch hochbeete unter obstbaum und da wo der baum am längsten schatten wirft wächst es halt langsamer und kleiner. Selbst monatserdbeeren , die ja noch am ehesten typische waldgartengewächse sind tragen mehr und besser wenn sie einen luxusplatz mit sonne und wenig konkurrenz bekommen.
Da es bei mir sehr windausgesetzt ist werde ich demnächst mit wärmefang weiter experimentieren.

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Re: Das Konzept Waldgarten

#5

Beitrag von Reto94 » Mi 2. Sep 2020, 08:47

Ich denke beim Waldgarten kommt es vorallem auf die Klimazone darauf an. Bei mir sind dieses Jahr bis jetzt die Tomaten, Auberginien und Paprika dort am besten gewachsen, wo sie im Schatten der Korkeichen stehen.
Der 1m Radius um den Stamm ist jedoch wieder weniger Produktiv.

In Mitteleuropa würden diese Gemüsearten bestimmt jämmerlich im Schatten kümmern, hier ist es eine Erleichterung für sie.

Was in der Schweiz gut geklappt hat, war Rhabarber und Walderdbeeren unter einem Zwetschgenbaum.

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Re: Das Konzept Waldgarten

#6

Beitrag von emil17 » Mi 2. Sep 2020, 09:37

Ich denke, wenn man Südhang hat, oder gar terrassierte Spalierlage, ist es nochmals anders als in ebener oder gar absonniger Fläche.
Wer will, findet einen Weg. wer nicht will, findet eine Ausrede.

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